BLAIR WITCH Review (max)

medieneffekt-blair-witch-review

Es hätte so schaurig schön werden können. Kein zu grelles Marketing, die ersten Trailer sahen erschreckend gut aus und…nein…fangen wir viel weiter vorne an.

Ich liege im Dunkeln in meinem kleinen Bett im Kinderzimmer. Vor mir flackert der mit Stickern zugeklebte Mini-Röhrenfernseher. Was passiert da gerade? Ist das jetzt ein Film oder nicht? Dass Gaby von TKKG die Protagonistin synchronisiert, ist ein leichter Anker, der meine eigene Realität festigt. Auf einmal Kinderstimmen, Zeltwände beben, Menschen rennen durch den Wald, ich sehe nichts, mein Gehirn rast. Dann ist es vorbei. Der finale Schlag im Film trifft mich mitten ins Gesicht.

The Blair Witch Project (1999) hat zwar über die Jahre durch seinen eigenen Einfluss an Spannung eingebüßt, verwackelte Kameras und Found Footage-Horror konnte man danach an jeder Ecke finden, filmgeschichtlich bleibt er aber so relevant wie interessant, hat er doch einfach mal nebenbei das virale Marketing etabliert und als Brutstätte einer neuen Bewegung fungiert, an der sich auch heute noch unzählige Nachahmer die fauligen Zähne ausbeißen.

Blair Witch (2016) möchte also nun beweisen, dass die Hexe selbst noch das beste Gebiss hat und knüpft quasi nahtlos an das Original an, wobei der unnötige zweite Teil Book of Shadows (2000) klugerweise komplett ignoriert wird. James (James Allen McCune) entdeckt auf einem verwackelten YouTube-Video eine Person, die er für seine verschollene Schwester Gaby…quatsch…Heather (Heather Donahue) aus Teil 1 hält. Er macht sich also mit Lisa (Callie Hernandez), die eine Doku über ihn und seine Suche dreht, und dem befreundeten Paar Ashley (Corbin Reid) und Peter (Brandon Scott) auf den Weg in den Wald. Begleitet werden sie vom Hillbilly-Pärchen Lane (Wes Robinson) und Talia (Valorie Curry), die das Tape gefunden und hochgeladen haben. Mehr muss man nicht wissen, außer, dass Regisseur Adam Wingard (You’re Next, V/H/S) und Stamm-Drehbuchautor Simon Barrett ihre Charaktere mit ordentlich technischem Schnickschnack ausrüsten, wobei die Mini-Headset-Ohren-Kameras die wichtigsten Geräte darstellen, da ihre Ego-Perspektive die prägende Einstellung des Films ist. 2016 ist also alles digital und VHS-Flackern wird durch Pixel und quietschende Bild-Ruckler ersetzt. So weit, so gut.

Was mich allerdings von Anfang an gestört hat, sind die Schauspieler. Die sind durchweg so durchgestyled und sauber, alle mit Strahle-Gebiss und ohne Kanten. Selbst das Hillbilly-Paar könnte direkt einer Folge O.C. entsprungen sein. Aber naja, wenn der Horror stimmt, dann kann man über sowas ja eigentlich ganz gut hinwegsehen. Und? Wie sieht es aus? Blair Witch macht tatsächlich unglaublich viel richtig. Der Film ist teilweise ehrlich spannend und absolut nervenzehrend. Es gibt wenige Horrorfilme, bei denen ich mit schwitzenden Händen vor dem Gesicht zwischen den Fingern hindurch auf den Fernseher linse. Das soll kein dummes Macho-Blabla sein von wegen “Ich hab vor nichts Angst”, sondern eher meine Verärgerung unterstreichen, über fehlende Innovation im Genre. Ich habe es schon oft gesagt und ich sage es wieder: Laute Knalle sind nicht gruselig! Ich erschrecke mich, klar, aber das tue ich auch, wenn auf der Straße ein Hund plötzlich bellt, ein Ballon explodiert oder Sirenen auf einmal losgehen. Da muss ich nicht erst durch einen Hexenwald wandern. Von diesen billigen Jump-Scares gibt es leider von Anfang an viel zu viele, durch die immer krasser anziehende Horror-Schraube ist das aber im Laufe des Films absolut zu verzeihen. Wingard mischt immer wieder intensivste Sequenzen dazwischen, die durch Zurückhaltung wirken und dem Film so etwas Unberechenbares verleihen. Ich war beeindruckt. Die Betonung liegt auf dem zweiten Wort.

Das Finale und ein Teil seiner Vorbereitung haben mir den Film dann doch noch so richtig versaut. Aus heiterem Himmel wird die eigene Konstruktion komplett über den Haufen geworden, der Grusel kommt einer schäbigen Geisterbahn auf der Kleinstadt-Kirmes gleich und einige Elemente kratzen nicht nur an der unfreiwilligen Komik. Ich hoffe, der Begriff Hillbilly-Waldschrat ist kein zu großer Spoiler, aber meine Güte, sah der dumm aus. Eine Sache, die mir schon im YouTube-Clip des Anfangs aufgefallen ist, wird als Dummheit der Protagonisten oder besser des Drehbuch-Autoren entlarvt und auf Filmfehler wird einfach nicht mehr geachtet. Hier liefern die Kameras gestochen scharfe Bilder, auch durch Schmutz und Haare hindurch. Oder sind die neuen Geräte so gut? Ist das der neue Marketing-Clou von Blair Witch 2016 und ich habe ihn einfach nicht verstanden? Als ich mich am Ende an die Simpsons-Episode erinnert gefühlt habe, in der Homer Apu beim Fremdgehen im Kwik-E-Mart erwischt, war der Horror für mich endgültig gegessen und der Film gnädigerweise auch vorbei. SO ÄRGERLICH!

Interessant bleibt Blair Witch vor allem durch seine Einbettung in aktuelle mediale Formen und wer sich am Ende an Resident Evil 7 erinnert fühlt, der ist damit definitiv nicht allein. Film als Schnittstelle zum Videospiel als Schnittstelle zur aktuellen VR-Entwicklung. Darüber hinaus bleibt leider besonders die Enttäuschung über so eine fürchterlich vergeudete Chance im Gedächtnis.

Es hätte so schaurig schön werden können. Kein zu grelles Marketing, die ersten Trailer sahen erschreckend gut aus und wenn man die letzten 10-15 Minuten einfach abschaltet, dann ist es das eigentlich auch. Aufgrund des enormen Potenzials, einiger ultra intensiver Szenen und der Tatsache, dass der Film es geschafft hat, mich mit den Händen vorm Gesicht auf die Couch zu pinnen, gebe ich eine gut gemeinte aber doch enttäuschende

medieneffekt-punkte-sechs

Verfasse einen Kommentar:

*

Folgende HTML tags und Attribute kannst du verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>