GEARS OF WAR 4 Review (carsten)

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Es kommt nicht oft vor, dass ich mir für ein Videospiel gezielt Urlaub nehme. Eigentlich ist das sogar die absolute Ausnahme. Aber Gears of War ist ja auch eine Ausnahme-Spielereihe. Die Original-Trilogie von Entwickler Epic Games sägte sich so tief in mein Verständnis moderner Action-Games, da können auch Blockbuster wie Uncharted oder Halo nicht mithalten. Die Kombination aus perfektem Gameplay, epischer Inszenierung und einer zwar überzogenen, aber trotzdem fesselnden Story sucht auch heute noch ihresgleichen. Mit Gears of War 4 versuchte sich nun ein neuer Entwickler, The Coalition, daran, die extrem Erfolgreiche Reihe auf der Xbox One fortzuführen. Ob das gelungen ist? Was gibt es Neues? Und warum wurde ich beim Zocken an einen alten Schwarzenegger-Klassiker erinnert? Schmeißen wir das Lancer-Sturmgewehr an und kämpfen uns zur blutigen Wahrheit durch!

Die Geschichte von Gears of War 4 setzt 25 Jahre nach dem dritten Teil ein. Die Locust sind besiegt, doch leider gibt es weitere Probleme, die den Planeten Sera ins Verderben stürzen könnten. Durch die Ereignisse am Ende von Gears of War 3 gibt es kaum noch fossile Brennstoffe, außerdem brechen immer wieder heftige Stürme los, die ganze Städte dem Erdboden gleich machen können. Die Regierung hat das Kriegsrecht verhängt, weshalb sich viele Menschen in Splittergruppen außerhalb der Städte ein freies, aber gefährliches Leben aufgebaut haben. J.D. Fenix, Sohn von Serien-Urgestein Marcus Fenix, gehört zu einer dieser Gruppen und ist mit seinen Freunden Kait und Del auf Beutezug in einem Sperrbezirk, als die Hölle losbricht. Die Regierung jagt das Trio unerbittlich mit Robotern und gerade, als dieser Brandherd eingedämmt scheint, zeigt sich ein neuer, hässlicher Feind der Menschheit: Widerliche Monster, von J.D. und seinen Leuten Schwarm genannt, überfallen ein Dorf und entführen Kaits Mutter. Die drei müssen hinterher und erhalten Unterstützung von Kriegsheld und Badass Marcus Fenix, der direkt seine alte Waffensammlung entstaubt.

The Coalition geht beim Erzählen der Story einen etwas anderen Weg als Epic Games damals. Die Gruppe um J.D. ist zwar kampferprobt, jedoch sind sie nicht so verbissen wie Dom oder Marcus in den ersten Teilen. Klar, die neuen Helden sind schließlich deutlich jünger und haben bei weitem nicht so viel krasses Zeug erlebt wie die alte Truppe, da sie erst nach den Locust-Kriegen zur Welt kamen. Die harte Brothers in Arms-Mentalität der ersten Trilogie wird teilweise durch lockere Sprüche und lustige verbale Auseinandersetzungen ersetzt. Ab und zu erinnert J.D. fast schon an Nathan Drake aus Uncharted. Dadurch wirkt Gears 4 nicht ganz so deprimierend, verliert jedoch auch einiges der Emotionalität, welche vor allem Teil 2 ausmachte. Ihr braucht aber kein weichgespültes alles wird gut-Setting zu befürchten, The Coalition streut immer wieder harte Szenen ein und bringt allgemein das Szenario einer untergehenden Welt perfekt rüber. Ihr seid diesmal eben nicht unterwegs, um die Menschheit zu retten, sondern verfolgt persönliche Ziele. Die Charaktere sind dabei wirklich cool, J.D. und Kait ergänzen sich prima und Del passt perfekt ins Trio, auch wenn er klar der uninteressanteste Teil der Gruppe ist. Die Entwickler zeichnen eine spannende Geschichte und öffnen wunderbar die Tore für eine neue Trilogie. Marcus hat den Stab bzw. das Lancer-Gewehr erfolgreich an seinen Sohn abgegeben. Im nächsten Teil darf es dann aber ruhig etwas emotionaler werden. Außerdem muss sich noch zeigen, ob J.D. und seine Leute mehr drauf haben als nur coole Sprüche.

Die neuen Gegner, der Schwarm, sehen den Locust von damals teilweise verblüffend ähnlich. Vor allem die Drohnen sind kaum von den alten Fieslingen zu unterscheiden. Dieser Umstand ließ mich am Anfang befürchten, dass die Entwickler die Fans nicht wirklich ernst nehmen würden. Ein brandneuer Gegner, der nur ganz zufällig so aussieht wie die Monster von damals? Also bitte. Aber genau das wird vom Spiel aufgegriffen, J.D. und seine Gruppe stellen direkt die Frage, ob die Locust zurück sind oder nicht. Die Herkunft und die Motive des Schwarms gilt es aber erst noch in der etwa zehn Stunden langen Kampagne zu ergründen.

Die Missionen sind allgemein schön abwechslungsreich und lassen kaum Langeweile aufkommen. Mal sägt Ihr Euch durch eine riesige Fabrik, dann geht es durch ein altes Anwesen und die nächste Front kann dann schon ein Strand oder ein Gebirge sein. Einige Zeit verbringt man auch in einer Mine, die mich irgendwie immer wieder an den Schwarzenegger-Klassiker Total Recall von Paul Verhoeven erinnert hat. Das liegt vor allem am Soundtrack. Die Klänge sind denen aus dem Film, der zu weiten Teilen in einer großen Mine auf dem Mars spielt, sehr ähnlich und triggerten bei mir immer wieder das wohlige Gefühl des 80er Jahre Baller-Spektakels. Ob das von den Entwicklern gewollt ist oder nicht kann ich nicht sagen, cool fand ich es aber auf jeden Fall.

Am Gameplay hat The Coalition nicht viel geändert, und das ist genau richtig so! Ihr steuert nach wie vor Euren bulligen Charakter recht behäbig über die Schlachtfelder, geht auf Knopfdruck hinter Wänden oder ähnlichem in Deckung und feuert den recht clever agierenden Gegnern alles an Feuerkraft entgegen, was Ihr finden könnt. Neu ist die Möglichkeit, Gegner aus ihrer Deckung heraus zu ziehen und sie dann per Nahkampf-Messer äußerst blutig ins Monster-Nirvana zu befördern. Euer Team unterstützt Euch dabei nach Leibeskräften. In den meisten Situationen verrichten die KI-Kameraden gute Dienste und stehen Euch ordentlich zur Seite. Weiterhin genial: das aktive Nachladen. In Gears drückt Ihr nicht nur öde einen Knopf, um ein neues Magazin in die Wumme zu hauen, nein, Ihr könnt das Nachladen durch erneuten Druck extrem beschleunigen und bei perfektem Timing gibt es sogar stärkere Munition. Doch Vorsicht: bei schlechtem Timing verlangsamt Ihr den gesamten Prozess sogar noch. Dass diese Idee noch nicht von anderen Entwicklern geklaut worden ist, wundert mich doch sehr.

Wie in den alten Teilen gibt es auch diesmal einige Action-Sequenzen, die das übliche Gameplay über den Haufen werfen und eher auf eine überdrehte Inszenierung setzen. Die Verfolgungsjagd auf einem Motorrad, die man schon in Trailern sehen konnte, ist da nur der Anfang.

Gänzlich neu in der Gameplay-Abteilung sind die fetten Monster-Stürme, die immer wieder an festen Punkten durch die Gebiete fegen. Zu diesen Zeitpunkten steuert sich J.D. noch ein gutes Stück langsamer, außerdem müsst Ihr immer auf der Hut sein, da umherfliegende Teile zu tödlichen Geschossen werden.  Das könnt Ihr Euch natürlich auch zu Nutzen machen. Feuert einfach aus sicherer Deckung auf eine Barrikade, hinter der sich Fässer oder gar ganze Autos befinden und erfreut Euch über die angerichtete Zerstörung, wenn die Karre effektiv und äußerst blutig in ein Nest des Schwarms fliegt.  Die Stürme bereichern das Gameplay und sind jedes Mal aufs Neue ein echtes Highlight, auch weil sie nicht so häufig eingesetzt werden um direkt zu ermüden.  Das die Wetterkapriolen auch noch unglaublich gut aussehen ist da beinahe schon Nebensache. Fette Idee, ebenso fett umgesetzt!

Apropos unglaublich gut aussehen: Das trifft nicht nur auf die Stürme zu, sondern auf das gesamte Spiel. Gears of War 4 sieht phänomenal aus und gehört im Konsolenbereich ganz klar zur absoluten Elite. Die Charaktere, die Effekte, die Texturen, alles erste Sahne und dazu läuft das Spiel immer flüssig, völlig egal, was gerade abgeht. Das so eine Pracht auf der, mittlerweile doch in die Jahre gekommene, Xbox One möglich ist, meine Güte. Der Sound ist ebenfalls technisch gesehen Referenzmaterial, perfekt abgemischt und wuchtig, auch wenn die Stücke von Ramin Djawadi (Game of Thrones) bei Weitem nicht an den Score des zweiten Teils von Steve Jablonsky rankommen. Die wirklich epischen Songs wie Hope Runs Deep  oder Armored Prayer vermisst man ein wenig. Zur deutschen Synchro gibt es positive Neuigkeiten im Gears-Universum. Die ist nämlich endlich mal passend und qualitativ hochwertig eingesprochen. Etwas störend ist zu Anfang zwar die neue Stimme von Marcus Fenix, da man einfach eine andere gewöhnt ist, aber das verfliegt schnell, da der neue Sprecher seine Sache extrem gut macht. Optional kann man aber auf die originale Synchro umschalten, die wie immer noch einen Tacken besser rüberkommt.

Wem das alles noch nicht genug ist, der kann sich im umfangreichen Multiplayer austoben. Ich habe mich in den Kultigen Horde-Modus geschmissen, in dem man sich mit vier anderen Spielern gegen immer stärker werdende Gegnerwellen wappnen muss. Vor allem in einem festen Team ist das eine echte Spaß-Kanone. Den Rest des Mehrspieler-Parts habe ich schlicht noch nicht getestet, da mich die Kampagne genug beschäftigt hat.

Ich hatte richtig viel Spaß mit Gears of War 4. Das Spiel wirkt wie aus einem Guss, es gibt keine Durchhänger oder nervige Passagen und die Stürme sind einfach nur fett. Dazu sind Grafik und Sound klares Referenz-Material und das Gameplay wurde durch kleinere Neuerungen wunderbar bereichert. Einzig die Story und die Charaktere hinken der Original-Trilogie noch hinterher. Hier muss der Nachfolger deutlich epischer und emotionaler werden, um mit den alten Teilen mitzuhalten. Ich habe aber ein gutes Gefühl, dass The Coalition auf dem richtigen Weg ist. Für Gears 5 werde ich mir auf jeden Fall wieder Urlaub nehmen und mich mit meinem gut geölten Lancer in die Schlacht werfen.

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