JAHRESRÜCKBLICK 2016 (max)

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In Sachen Film stand 2016 vor allem im Zeichen des Nachholens und irgendwie haben sich dann am Ende zu viele wichtige und interessante Filme an mir vorbeigeschlichen, als dass ich guten Gewissens eine Bestenliste hätte aufstellen können. Für den Rest gibt es dann ja unseren Podcast, den Carsten grad zusammenzimmert.

Musik…Musik…Musik…so gut wie jede Veröffentlichung, auf die ich mich gefreut habe, ist zum Hit geworden. Das ein oder andere Album ist mir zwar auch hier durch die Lappen gegangen, aber das gehört ja dazu, wenn man seine Sammlung erweitern möchte. Erwähnt werden sollte auf jeden Fall der Soundtrack zum Spiele-Aufreger No Man`s Sky von 65daysofstatic, der direkt meiner neuen Leidenschaft zum Opfer gefallen ist. Die wunderbare Vinyl-Special Edition kostet einfach viel zu viel und nochmal so viel Porto, aber ich kann mich trotzdem noch nicht durchringen, mir eine abgespecktere Version ins Regal zu stellen. Ordentlich reinhören möchte ich auch auf jeden Fall noch in die aktuellen Platten von Mantar, Oathbreaker, Jimmy Eat World und Kaada/Patton.


Bestes Musikvideo: FRANK CARTER & THE RATTLESNAKES – SNAKE EYES

Teaser-Single zum gerade frisch veröffentlichten zweiten Album Modern Ruin und ich hätte es nicht mehr für möglich gehalten, dass mich das Medium Musikvideo nochmal so flashen kann. Musik, Text, Bildsprache, Statement. Bis zum Ende(!) ansehen, ausflippen, Fan werden.


Außer Konkurrenz: A SABLE OPIATE – A PASSAGE TO THE YEWS

Ich bin sowas von stolz. Darauf, dass meine Jungs von A Sable Opiate mit ihrer Debüt-EP tatsächlich ein großartiges Stück Musik veröffentlicht haben und dass ich meinen Beitrag in Form des Artworks leisten durfte. A Passage to the Yews läuft bei mir auch abseits der Vetternwirtschaft regelmäßig und ohne sie wäre diese Bestenliste tatsächlich nicht vollständig.


1. EVERY TIME I DIE – LOW TEENS

Als “Harte Party” hat Medieneffekt-Gehilfe Jan die Musik von Every Time I Die mal bezeichnet und das könnte man allgemein so unterschreiben. Die Hardcore-Rocker aus Buffalo geben live Gas wie wenige Bands und waren zumindest früher für die ein oder andere Eskalation auch abseits der Bühne berüchtigt.
2016 erschien dann Low Teens, Album Nummer 8, und auf einmal wirkt vieles ganz anders. So gut wie alle Tracks, auch die, die man gut auf so einer harten Party laufen lassen könnte, haben eine ganz bestimmte Note bekommen. Man mag es fokussierter oder sogar erwachsener nennen. Wenn man allerdings direkt zu Beginn textuell geradezu geohrfeigt wird und kaum damit umgehen kann, wie ernst es mit einem Mal geworden ist, dann muss man sich an Frontmann und Obersympath Keith richten, der sich für die schmerzhaft emotionalen Parts verantwortlich zeigt. Im Dezember 2015 musste der Sänger die laufende Tour unterbrechen, da seine hochschwangere Frau mit Geburts-bedingten Komplikationen ins Krankenhaus gebracht wurde, was dazu führte, dass er beinahe sie und seine kleine Tochter verloren hätte. Low Teens würde anders klingen, wenn dieser schreckliche Vorfall nicht geschehen wäre, denn vom ersten Wort an wird klar, dass das keine übliche Every Time I Die-Platte wird. Natürlich bricht der Groove immer noch jedem, der nicht aufpasst, den Nacken und man weiß zu jeder Stelle mit welcher Band man es hier zu tun hat, so ehrlich emotional und musikalisch gereift hat man sie allerdings noch nie gehört. Wer allein beim Abschlusstrack Map Change keinen Kloß im Hals bekommt, dem ist nicht mehr zu helfen. Musik als Katalysator und Eigentherapie. Every Time I Die auf ganz neuer Höhe.


2. THE BLACK QUEEN – FEVER DAYDREAM

Greg Puciato, noch einige Monate Sänger der kolossalen The Dillinger Escape Plan, eröffnet zusammen mit zwei Freunden aus dem Nine Inch Nails-Umfeld auf Fever Daydream ein Synthie-durchtränktes 80er Jahre-Revival. Da frage ich mich allen Ernstes, wieso ich die Band aus den Augen verloren habe und erst gegen Ende des Jahres darauf komme, mir das Album zuzulegen. Vinyl war natürlich vergriffen und nun steht ein kleines, aber zugegebenermaßen sehr hübsches Digipack bei mir im Schrank. Die Hauptsache ist aber, dass es hier steht, denn authentischer kann man die goldenste aller Zeiten kaum aufleben lassen. Mal smoothe Klangteppiche, mal tanzbare Beats, dazu Gregs Stimme, die durch die Jahre bei DEP geschliffener denn je aus den Stimmbändern fließt. Fever Daydream ist ein unprätentiöses Meisterwerk, der wahr gewordene Tagtraum jedes Eighties-Fans und die tröstende Gewissheit, dass auch nach dem Ende des Plans weiterhin sensationelle Musik veröffentlicht werden wird.


3. OLD GRAVES – LONG SHADOWS

Nennt mich Hipster und schmückt mir die Hornbrille, aber es ist manchmal schon ganz geil Musiker zu entdecken, bevor sie bekannter werden. Colby Hinks 1-Mann-Projekt Old Graves erfüllt auch auf seinem ersten Full Length Album Long Shadows meine schwitzigsten Black Metal-Träume. Der melodische Folk-Black Metal klingt nach wie vor wunderbar Low-Fi, die Produktion ist schön schrammelig, aber nicht zu sehr, die Stimme bleibt angenehm im Hintergrund und untermalt die teilweise atemberaubenden Melodien, die sich durch Blast-Parts schlängeln und in ruhigeren Momenten voll und ganz entfalten können. Was man als Abgrenzung zu den vorherigen Veröffentlichungen vielleicht sagen könnte, ist, dass Long Shadows etwas verspielter, experimentierfreudiger daherkommt, wie bspw. der Flöteneinsatz in Walpurgisnacht zeigt. Auch diese Elemente fügen sich perfekt ein und Old Graves bleibt eine der spannendsten musikalischen Entdeckungen der letzten Jahre für mich. Colby Hink? Den hab’ ich gehört, bevor es cool wurde.


4. ALL HUMAN – TEENAGERS, YOU DON`T HAVE TO DIE

Adam Fisher. Einer der besten Musiker, von dem viel zu viele noch nie etwas gehört haben. Teenagers, you don`t have to die. Eines der großartigsten Alben der letzten Jahre, das auf zu wenigen Bestenlisten aufgetaucht ist. Die Platte The Always Open Mouth der grandiosen Fear Before the March of Flames kam 2006 einer musikalischen Offenbarung gleich und so lange ich auf ein ordentliches Comeback der Band warte (vor kurzem tat sich wieder etwas auf der offiziellen FB-Seite, mein Herz rast immer noch), beobachte ich Sänger und Gitarrist Adam Fisher mit ziemlich ausgeprägtem Interesse bei seinen musikalischen Projekten, schließlich ist der Mann mitverantwortlich für eines der besten Alben der Musikgeschichte (Ernsthaft. The Always Open Mouth!). Was er aber zusammen mit Ex-Trophy Scars Drummer Brian Ferrara unter dem Namen All Human im letzten Jahr veröffentlicht hat…da werden Erinnerungen wach. Erinnerungen an ein Entdecken, eine musikalische Reise, ein geflashed sein von so viel Innovation und als auf einmal David Marion (Sänger Nummer 2 bei Fear Before) als Gast auftaucht, war der Nostalgie-Flashback perfekt und der Kreis geschlossen. Dabei verliert Teenagers nie seine ganz eigene Atmosphäre, die es zu einer All Human-Platte und eben nicht zur neuen Fear Before macht.

Was mich als Fan zudem riesig freut ist, dass Adam genauso großartig zu sein scheint, wie die Musik, die er macht. Als Beispiel muss sein Kommentar zum Massaker in Orlando dienen, als ein Mann einen LGBT-Club gestürmt und mindestens 49 Menschen erschossen hat. Angemessen, emotional, dazu das großartige Foto. We will not let hate win! Und über das Like, das wir nach dem Teilen des Fotos von ihm bekommen haben, bin ich immer noch stolz.


5. MACKLEMORE & RYAN LEWIS – THIS UNRULY MESS I`VE MADE

Ich zitiere mich mal selbst: “This Unruly Mess I`ve Made wirkt nicht wie eine Reaktion auf einen Überraschungserfolg, sondern wie die logische Weiterentwicklung dessen. Ein Album, das wunderbar abwechslungsreich daherkommt, zur nächsten Party laufen kann, ebenso wie beim nächsten winterlichen Spaziergang durch den Park. Tracks, die mal aufwühlen, mal zum ausflippen anstiften. Macklemore & Ryan Lewis. Zwei alte Freunde, die auf einmal wieder vor der Tür stehen und es ist, als wären sie nie weg gewesen.” Daran hat sich nichts geändert!


6. THE DILLINGER ESCAPE PLAN – DISSOCIATION

2007 habe ich zu ihrem Album Ire Works den Satz gelesen “Eine Band zeigt uns die Zukunft”. Neun Jahre später sind The Dillinger Escape Plan das beste Beispiel für die Schwierigkeit meine Alben 2016 in eine vernünftige Reihenfolge zu bringen. Eine meiner Lieblingsbands veröffentlicht das reifste, homogenste Album als Finale ihrer Karriere, begleitet von der Trauer eines Fans, der Euphorie über die Qualität dieses Abschlusses und der Vorfreude auf das letzte Konzert in ein paar Wochen. Platz 6 wird Dissociation da auf keinen Fall gerecht, die höher platzierten Alben haben mich nur bereits intensiver begleitet. Das Album braucht seine Zeit, einfach hat es die Band einem nie gemacht und ich bin immer noch dabei jeden Haken, jede Ebene nachzuvollziehen und Dissociation als das zu begreifen, was es wirklich ist: Zukunftsmusik.


7. BRIAN FALLON – PAINKILLERS

Painkillers hatte mich Anfang des Jahres auf dem komplett falschen Fuß erwischt. Das erste richtige Solo-Album des Gaslight-Frontmanns durfte in meinen Augen und Ohren einfach nichts anderes werden als Brian + Akustik-Gitarre + Mikro. Keine Band, kein Schnickschnack. Genau das ist Painkillers am Ende nicht geworden. Die Tracks bewegen sich eher in Richtung Gaslight …nun ja…light (Entschuldigung dafür!). Weniger Druck als in der Hauptband, weniger Melancholie als bei The Horrible Crowes. Warum sollte ich mir das also anhören? Die Antwort kam dann doch recht schnell. Was auf den ersten Blick seicht wirkt, entfaltet sich mit jedem Mal mehr, was vorher klang, als hätte man es schon irgendwo gehört, wird auf einmal selbst zur Referenz. Painkillers ist keine neue Elsie, mit der Brian mich letztes Jahr live zu Tränen gerührt hat, aber sie ist angekommen und darüber bin ich unglaublich froh.


8. DEFTONES – GORE

Chino, Abe, Stephen, Frank, Chi, Sergio. Mit diesen Jungs bin ich aufgewachsen, sie waren Lebens-Soundtrack, ich habe gebangt als sie fast zerbrochen sind, mit ihnen um einen Bruder getrauert und ein neues Mitglied willkommen geheißen. Wir haben zusammen geschrien, geschwitzt, gesungen, uns weiterentwickelt und dabei nie aus den Augen verloren. Die anfängliche Euphorie des “Neuen” ist schon vor Jahren einem “Sich Zuhause fühlen” gewichen. Die Deftones sind Teil der Familie und normal bewerten kann ich sie schon lange nicht mehr. Ist Gore ein gutes Album? Natürlich! Ist es ihr Bestes? Kann gut sein. Auf jeden Fall ist es sperriger als seine Vorgänger, bleibt dadurch spannend, vermischt Deftones-Trademarks mit neuen Ideen und ist dazu noch wunderschön anzusehen. Ich freue mich auf die nächsten 20 Jahre!


9. ANAAL NATHRAKH – THE WHOLE OF THE LAW

Anál nathrach, orth’ bháis’s bethad, do chél dénmha. Das Zwei-Mann-Projekt, das sich nach diesem Zauberspruch aus John Boormans Excalibur benannt hat, existiert seit 1998 und ich frage mich, wieso mich erst Freund Richard 2016 darauf aufmerksam machen musste. Der hatte mir vor ein paar Monaten den Song Hold Your Children Close and Pray for Oblivion geschickt. Die Platte direkt bestellt, im Dezember nachgeholt und schon musste die Bestenliste hier ergänzt werden. Extremer Metal, dessen unerbittliche Wucht immer wieder nahtlos in die melodischsten Richtungen gelenkt wird. Maschinelles Gewitter wird zu emotionalem Pathos wird zur choralen (Power)Messe und The Whole of the Law zu einer der spannendsten Platten des Jahres. Jetzt mache ich aber erstmal Platz für Richard, der nicht nur Freund des Medieneffekts ist, sondern auch der gute Geist der Technik, den wir viel zu oft mit unseren Fragen nerven dürfen. Den dicksten Dank dafür, du Racker.

In den letzten ca. 3 Monaten lief The Whole of the Law durchschnittlich 2mal pro Tag. Seitdem ich das erste Mal Hold Your Children Close and Pray for Oblivion gehört habe, hat mich das Album in einen unglaublichen Bann gezogen, der verhindert hat, dass ich irgendwas anderes hören konnte. Das Album ist verdammt brutal und zerstörerisch, schafft es dabei aber mit präzisen Melodien und epischen Passagen zu verzaubern. Eine perfekte Analogie der menschlichen Natur. Für mich das Album des Jahres. (richard)


10. CARNIFEX – SLOW DEATH

Jap, der Umzug zu Nuclear Blast vor ein paar Jahren hat der Bande aus San Diego wirklich gut getan. Ihr Label-Debüt Die Without Hope klang absolut frisch, dazu hinreißend böse und Slow Death marschiert mit diabolischem Grinsen weiter in die Schwärze. Black Metal-infiziert wird hier wieder gekeift und geknüppelt was das Zeug hält. Im direkten Vergleich vielleicht eine Kleinigkeit stumpfer als der Vorgänger und mir fehlen diese Textpassagen, die so cheesy wie einprägsam waren. Hier kämpfen Carnifex allerdings nur gegen sich selbst, denn aus dem Deathcore-Sumpf hat sich sonst keine andere Band so elegant erhoben.


11. JAMIE T – TRICK

Trick beginnt so, als würde Jamie auf die Stimmen antworten, die Carry on the Grudge vor drei Jahren zu zahm fanden. Die Beats sind wieder verspulter, die Raps verrückter und für Genre-Grenzen hat er eh keine Zeit. Das macht Bock und bei den meisten Tracks sehne ich mich sofort nach Festivalbühne, Drinks und meiner Partycrew. Nur die eigene Messlatte konnte der junge Brite nicht erreichen, aber wer so ein sensationelles Debüt wie Panic Prevention veröffentlicht, der darf sich später auch nicht wundern. Das ist übrigens schon wieder 10 Jahre her. Heiliger Strohsack.


12. CULT OF LUNA & JULIE CHRISTMAS – MARINER

Auch die Schweden sind eine Band, die ich aus meinem ganz eigenen Musik-Kosmos nicht mehr wegdenken möchte. Trotzdem ist es 2016 ganz schön knapp geworden. Nicht weil sie ein schlechtes Album veröffentlicht hätten, ganz und gar nicht, doch müsste Mariner, allein durch seine spannende Kollaboration mit Julie Christmas, viel mehr sein, als “nur” eine solide Cult of Luna-Platte und das ist sie leider nicht geworden. Das Finale des letzten Tracks Cygnus ist allerdings eine kleine Sensation.

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