LITTLE NIGHTMARES Review (carsten)

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Eine stumme Hauptfigur, ein verstörendes Szenario, Physik-Rätsel und eine 2D-Jump ‘n’ Run-Mechanik, dazu wenig Erklärungen, aber viel Platz für Interpretationen. Diese Zutaten haben in den letzten Jahren so einige kleinere Spiele ganz groß gemacht, wobei Limbo und Inside von Playdead für mich klar an der Spitze der Charts stehen. Nun schicken sich die Tarsier Studios an, mit Little Nightmares in eine ähnliche Kerbe zu schlagen und Eure schlimmsten Kindheits-Träume aufleben zu lassen. Das düstere Spiel bietet dabei enorm viel Atmosphäre zum kleinen Preis, wobei ein Albtraum meiner Jugend wohl unbeabsichtigt zurückgekehrt ist: die hakelige Steuerung.

Das kleine Mädchen Six wird an einem grotesken Ort, Schlund genannt, festgehalten. Sie wacht in einem dunklen Raum ohne jede Erklärung auf und beginnt mit ihrer großen Flucht. Viel mehr wird Euch zu Anfang des Spiels nicht erklärt, Ihr müsst Euch selber ein Bild der Situation machen. Dadurch, dass Six nur etwa 30cm groß ist, kommt Ihr Euch außerdem noch ganz schön hilflos vor. Das Schöne an Little Nightmares ist, dass Euch keine Geschichte durch billige Mittel der Erzählung aufgedrückt wird. Es gibt keine Infoseiten, die Ihr sammeln und lesen müsst oder Zwischensequenzen, welche Euch aus der Atmosphäre reißen. Ihr steuert schlicht ein kleines Mädchen durch ein albtraumhaftes Szenario und erfahrt durch die Erlebnisse, die Darstellung der Level und der Gegner, was hier los sein könnte. Dabei lässt das Spiel ganz bewusst viel Raum für Interpretationen und bleibt angenehm offen. Wie schon in Limbo oder Inside liegt es an Euch und Eurer Phantasie, Licht ins Dunkle zu bringen. Wunderbare Sache.

Das Design der Level und vor allem der Gegner reicht von solide bis brillant. Die fünf verschiedenen Szenarien sind abwechslungsreich, grade die Küche oder ein abgeranztes Spielzimmer sind atemberaubend schaurig. Ab und an findet Ihr Euch aber auch in langweiligen Gängen oder Räumen aus der Standart-Kanone wieder oder klettert zum zehnten Mal durch einen Lüftungsschacht. Bei grade einmal drei Stunden Spielzeit ist es schon komisch, dass solche kleineren Hänger vorkommen. Insgesamt wirken die Level aber schön stimmig. Die Gegner, welche Euch immer wieder ans Leder wollen, gehen einen ähnlichen Weg. Unfassbar widerliche Horrorkreaturen, wie die aus den Trailern bekannten Köche, jagen mir jetzt noch einen Schauer über den Rücken. Aber dann gibt es auch kleine, schwarze Würmer, die den Eindruck machen, als wär der Abschnitt, in dem sie grade vorkommen, sonst zu einfach gewesen oder die Mission zu schnell vorbei. „Och, der Level ist ja doch etwas zu kurz, lass mal einfach nen langen Gang mit Schwarzen Würmern einbauen, das Streckt die Spielzeit etwas…“ Lahm! Das ist natürlich kein Beinbruch, schade ist es aber allemal.

Das Spielprinzip an sich ist nicht ganz so minimalistisch wie bei der Konkurrenz. Vor allem die Steuerung wirkt anfangs schon fast überladen. Ihr könnt springen, greifen, sprinten, schleichen, Euch ducken und Euer Feuerzeug anmachen. Die Rätsel sind fast durchgehend leicht und physik-basierend, wobei sich hier einige coole Ideen finden lassen. Durch einen Fleischwolf eine Schinken-Wurst-Liane basteln, um zum Ausgang zu kommen, hatte ich auch noch nicht erlebt. Leider gibt es aber nur sehr wenig solcher Kopfnüsse, die meiste Zeit seid Ihr damit beschäftigt, den Ausgang zu finden und den Gegnern auszuweichen. Obendrein gibt sich die Steuerung teilweise sehr bockig und ungenau, weshalb Six öfter Sprünge versemmelt oder nicht dahin klettern will, wohin sie soll.

Dann gibt es noch die nervigen Aufeinandertreffen mit den Widersachern. Vor allem der erste größere Gegner, welcher im zweiten Abschnitt des Spiels beheimatet ist, hat mich dabei an den Rand der Verzweiflung getrieben. Der, zugegeben schaurig anzusehende, Fiesling kann nichts sehen, riecht und hört dafür aber umso besser. Nur wie genau, wie man ihn wodurch ablenken kann und worauf er letztlich reagiert, bleibt fraglich. In einer Szene bin ich locker 30 Mal draufgegangen, weil ich einfach nicht einschätzen konnte, wie das Vieh reagiert. Hat es dann doch mal geklappt, kam die ungenaue Steuerung ins Spiel und ließ mich vollends ausrasten. Das is dann nicht mehr gruselig oder schockierend, sondern schlicht nervig. Solche Szenen kommen glücklicherweise nicht oft vor. Die Gegner im dritten Abschnitt beispielsweise sind grausam und angsteinflößend, aber nicht penetrant oder unberechenbar.

Die Grafik von Little Nightmares lebt genretypisch von ihrem Stil, und der ist wirklich gelungen. Das Spiel hebt sich angenehm von der Konkurrenz ab, ohne dabei aber krampfhaft etwas anderes machen zu wollen. Außer ein paar kleineren Rucklern gibt’s nix zu meckern. Der Sound verdient ein besonderes Lob. Das Grunzen der Monster, die knarzenden Möbel oder die minimalistischen Klänge im Hintergrund lassen die Atmosphäre erstaunlich intensiv wirken. Schön, dass in der Sammlerversion des Spiels auch der Soundtrack dabei ist.

Little Nightmares ist eine atmosphärische Granate, die leider an einigen Stellen hinkt. Wunderschöne Szenarien und ekelhafte Gegner erzeugen mit dem tollen Sound ein kleines Meisterwerk, welches jedoch durch einige generische Abschnitte, eine unpräzise Steuerung und frustige Passagen Federn lassen muss. Außerdem ist das Spiel mit knapp unter drei Stunden sehr kurz. Kein neues Limbo oder Inside, aber ein guter Vertreter des Genres, den man sich für 20 Euro ruhig geben kann.

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