NO MAN’S SKY Review (carsten)

No Mans Sky Review

Stellt Euch folgendes Szenario vor: Ihr seid grad im Grundschulalter und hört die Nachricht, dass direkt in Eurer Nachbarschaft ein riesiger Spielplatz gebaut werden soll. Es soll sogar der größte Spielplatz aller Zeiten werden, so gigantisch, dass Ihr unmöglich überall spielen werdet. Auf dem Schulhof plant Ihr schon, wie Ihr Euer Klettergerüst erobern und es vor den Mädchen verteidigen könnt, Ihr denkt drüber nach, welchen Ball Ihr mitnehmt, welche Rutsche wohl die beste ist, wer den leckersten Sandkuchen backt und und und. Dann, eine Woche vor Eröffnung des Spielplatzes, bekommt Ihr die Botschaft, dass Ihr zwar bald loslegen könnt, Eure Freunde müssen aber draußen bleiben. Ihr werdet also alleine spielen müssen. Naja, das kann auch cool sein. Dann kommt der große Tag, Ihr zieht Eure dreckigsten Schuhe an, nehmt Schaufel, Eimer und Ball im Rucksack mit, rennt los und dann…besteht der Spielplatz aus einer riesigen Fläche voller Sand, aber sonst gibt es da nichts. Kein Klettergerüst, keine Burg, keine Spielsachen, keine Rutsche. Klar, es ist der größte Spielplatz aller Zeiten, aber viel Spaß macht es nicht, dort seine Zeit zu verbringen. Willkommen bei No Man’s Sky.

Die Ausgangssituation ist für jeden Spieler gleich. Ihr startet auf einem zufällig ausgewähltem Planeten und müsst dort erstmal Euer Raumschiff flott machen. In der Ego-Perspektive streift man dann umher und sucht Ressourcen, um Ersatzteile herzustellen. Diese bekommt man entweder, indem man Kisten plündert, Pflanzen mit einem einfachen Klick aberntet oder mit dem Bergbau-Laser. Nach etwa einer halben Stunde ist es dann soweit, das Schiff ist repariert und Ihr könnt die Atmosphäre durchstoßen, um ein riesiges Universum mit 18 Trillionen (!!!) Planeten zu erforschen. Ihr verbessert Euer Schiff immer weiter, um noch größere Distanzen zu überbrücken und stoßt so in Gegenden vor, die kein Mensch vorher gesehen hat. Und vermutlich auch nicht sehen will.

Eine klassische Story hat No Man’s Sky dabei nicht, das Erleben des eigenen Trips steht im Vordergrund. Es gibt zwar Alienrassen, die eine eigene Geschichte haben, diese bekommt man aber nur am Rande mit und außerdem wird alles nur in kleinen Textfenstern präsentiert, wenn Ihr mal einen Außerirdischen in einer Raumstation oder ähnlichem trefft. Texte durchklicken ist nun wirklich nicht grade spannend. Als großes Ziel, quasi als Ende des Spiels, fordert Euch No Man’s Sky auf, ins Zentrum der Galaxie vorzudringen. Was da anzutreffen ist, war im Vorfeld der Veröffentlichung ein großes Geheimnis. Ich spoiler Euch hier natürlich nichts, aber so viel sei gesagt: Ich kann mich kaum daran erinnern, jemals so enttäuscht gewesen zu sein. Das Ende ist so dermaßen lahm, ich konnte es kaum fassen. Hierbei geht es nicht darum, dass eine Story-Entscheidung der Entwickler mir nicht gefallen würde, wie es etwa bei Mass Effect 3 bei vielen Leuten der Fall war. Nein, bei No Man’s Sky gibt es einfach quasi nix. Unglaublicher Mumpitz.

Die Spielmechanismen sind leider ähnlich langweilig. Das Abbauen der verschiedenen Ressourcen verkommt nach kurzer Zeit schon zur Fleißarbeit. Ich stand teilweise minutenlang vor einem großen Felsen und habe ihn beschossen, um ein wertvolles Mineral zu bekommen. Das ist spielerisch so spaßig wie Zähneputzen und zweimal so lahm. Zur Auflockerung gibt es auf jedem Planeten Wächter, kleine, fliegende Viecher, die Euch angreifen, falls Ihr zu viel erntet. Gegen die müsst Ihr Euch dann ballernd zur Wehr setzen. Das Handling Eurer Waffe ist dabei aber leider unterirdisch, es gibt kein richtiges Trefferfeedback, das Zielen ist viel zu ungenau und die Gefechte machen einfach keinen Spaß. Wo in Spielen wie Destiny jedes noch so kleine Scharmützel fetzig ist und unterhält, rolle ich in No Man’s Sky nur mit den Augen, sobald sich ein Gegner nähert. Das ist eine so dermaßen beknackte Designentscheidung, meine Güte. Die Wächter wirken einfach nur wie nervige Schikane, um in Trailern zeigen zu können „Seht her, es gibt auch ein Kampfsystem“. Dasselbe gilt im Übrigen auch für die Weltall-Schießereien mit Piraten. Sagenhafter Unsinn. Als einzig wirklich coole Idee beim Gameplay gibt es die Möglichkeit, fremde Alien-Sprachen zu lernen. Immer wieder findet man auf den Planeten Monolithen, die man anklicken muss, um ein neues Wort zu erlernen. Wirsche Buchstabenfolgen werden dann in späteren Gesprächen direkt übersetzt. Das motiviert zunächst, bis man bemerkt, dass die Infos, welche man von den Aliens bekommt, völlig irrelevant und langweilig sind.

Okay, No Man’s Sky hat halt nicht den Anspruch ein Shooter zu sein. Man soll ein fast unendlich großes Universum erkunden und dabei sein eigenes Abenteuer erleben. Wenn es denn auch was zu erleben geben würde! Die Planeten sehen zwar alle unterschiedlich aus, jedoch erkennt man sehr schnell das Schema, welches dahinter steckt. Mal sind die Berge blau, mal grün, mal gelb, mal gibt es drei Bäume auf 5m², mal vier, mal sieben und mal gar keine. Gleiches gilt für die Tierwelt. Sicher, es gibt Milliarden und Abermilliarden verschiedene Viecher, diese haben aber nur sehr beschränkte Verhaltensmuster, bewegen sich alle ähnlich und geben dieselben Geräusche von sich, egal auf welchem Planeten. Das zerstört endgültig die Illusion einer stimmigen Spielwelt. Es ist zwar anfangs faszinierend, auf einer neuen Welt zu landen und diese in dem Wissen zu erkunden, dass man der erste Mensch hier ist, aber das verfliegt auch sehr sehr schnell wieder.

Bisher habe ich ja quasi nur gemoppert und mich über No Man’s Sky aufgeregt. Kann die Technik den Karren denn wenigstens ein bisschen aus dem Dreck ziehen? Zum Teil, ja. Natürlich ist es eine riesige Leistung von Entwickler Hello Games, einen Algorithmus zu programmieren, welcher ein so gigantisches Universum zaubert. Die Grafik kann mit dieser Leistung aber nicht mithalten. Die Weitsicht ist mäßig, das Spiel läuft nicht wirklich flüssig und bietet kaum Schauwerte. Wenn Ihr im All rumfliegt, tauchen plötzlich Asteroiden vor Euch auf und auch beim Eintritt in die Atmosphäre wirkt alles sehr grieselig und ist schlicht nicht schön anzusehen.

Dem steht zum Glück ein sagenhafter Soundtrack entgegen. Die Musik in No Man’s Sky ist das eindeutige Highlight des gesamten Spiels und das mit gigantischem Abstand. Sphärische Klänge, passende Geräusche und wunderschöne Tracks gibt es am laufenden Band. Ich habe mich immer wieder an Sci-Fi-Meisterwerke wie Blade Runner oder 2001 erinnert gefühlt. 65daysofstatic zeichnen sich für den Soundtrack verantwortlich und die Jungs sind die klaren Stars des Spiels. Max ist ja schon länger Fan der Band, jetzt habe ich sie auch für mich entdeckt. Ich bin gespannt, was mich da noch erwartet. Der Soundtrack wird sicher noch in meine Sammlung wandern. Im Gegensatz übrigens zu No Man’s Sky, das Spiel habe ich wieder verkauft.

No Man’s Sky ist ohne Frage ein faszinierendes Experiment, mit dem die Macher zeigen, was mit einer ordentlichen Prise Mathematik möglich ist. Leider macht das Spiel hinter diesem Experiment aber einfach keinen Spaß. Die Steuerung ist träge, die Gefechte eine Katastrophe gigantischen Ausmaßes, eine interessante Story gibt es nicht, das Ende ist eine Frechheit und das Crafting ist pure Fleißarbeit. Klar, man soll sein eigenes Abenteuer erleben…aber muss das so dermaßen mit blödem Gameplay torpediert werden? Einzig der wunderprächtige Soundtrack und die coole Idee, andere Aliensprachen Schritt für Schritt zu lernen, retten den Titel vor dem absoluten Wertungskeller. Da backe ich mir doch lieber ‘n Sandkuchen auf dem örtlichen Spielplatz. Der ist zwar klein, aber da gibt’s wenigstens ne Rutsche.

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2 Kommentare zu NO MAN’S SKY Review (carsten)

  • max  sagt:

    Wirklich schon wieder verkauft?? Du bist doch auch sonst nicht so zimperlich, was deine Sammlung angeht. Oh mann und ich hatte wirklich schon geplant, mir `ne PS4 zu holen. Das ist halt auch nicht mehr so eine Meinungs-Geschichte. Das, was versprochen wurde und was tatsächlich im Spiel ist, ist einfach Galaxien voneinander entfernt.

    Hab` mir jetzt auch noch einige Let`s Plays angesehen. Allein das Aufploppen der “Bäume”, wenn man umherfliegt. Illusion kaputt. Naja, wenigstens der OST ist `ne Wucht und für mich Anwärter auf die Platte des Jahres.

    Ach, und noch etwas: Hast du das Spiel wirklich bis zum Kern des Universums gespielt? Hab` gehört das dauert ordentlich lange, bis man da ist.

    • carsten  sagt:

      Tja, eigentlich findet fast alles irgendwie seinen Platz in meiner Sammlung…aber irgendwo is auch Schluss. Das war einfach Murks.

      Habe tatsächlich vor dem Erreichen des Zentrums der Galaxie abgebrochen und mir das Ende im Netz angesehen. Das war vorher schon so anstrengend und langweilig. Zum Glück habe ich für dieses Ende keine unzähligen Stunden investiert, sonst wär ich komplett ausgerastet.

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