Review zu METAL GEAR SOLID V: THE PHANTOM PAIN (carsten)

MGS V Art

Was für ein Umfang-Monster! Metal Gear Solid V: The Phantom Pain, der letzte Teil der Schleichspiel-Saga unter Regie von Hideo Kojima, ist in fast allen Bereichen gigantisch. Alleine das Intro geht je nach Spielweise knappe 90 Minuten. Bis man grob die Kernfeatures des Spiels freigeschaltet hat, vergehen nochmal gut und gerne zwei Stunden und dann ist noch lange nicht Schluss. Meine spoilerfreien Eindrücke nach einigen Stunden vor der Xbox One möchte ich Euch nicht vorenthalten.Wie funktioniert das Schleichen? Wie steht es mit Grafik und Atmosphäre? Kann Big Boss auch in einer offenen Welt überleben?

Am Ende des separat erhältlichen Prologs Metal Gear Solid V: Ground Zeroes wurde Big Boss, der größte Soldat aller Zeiten und Protagonist des Spiels, verraten und fiel ins Koma. Seine Basis wurde von der mysteriösen Organisation Cipher zerstört und im Meer versenkt. Neun Jahre später, 1984, erwacht er schwer verletzt in einem Krankenhaus auf Zypern, wo der Alptraum erst richtig losgeht. Big Boss wird eröffnet, dass ihm ein riesiger Granatsplitter im Kopf hängt und dass er seinen linken Arm verloren hat. Zu allem Überfluss wird das Krankenhaus noch von Cipher-Soldaten gestürmt, die ihn endgültig ausschalten wollen. Mit Hilfe des Mitpatienten Ahab kann er entkommen und trifft sich mit seinen alten Verbündeten. Das Ziel ist klar: Rache an Cipher. Dafür müssen zwei Dinge her: Eine neue Militärbasis und natürlich eine kleine Privatarmee. Die Diamond Dogs!

Nach dem unglaublich intensiven Intro bleibt es komplett Euch überlassen, wie Ihr das Spiel angeht. Zum ersten Mal in der Seriengeschichte entschieden sich die Entwickler für ein Open-World-Konzept. Angefangen in Afghanistan,  tobt sich Big Boss später in Afrika so richtig aus. 50 Hauptmissionen und 150 Nebenaufträge warten darauf bestritten zu werden. Die Missionsziele an sich wiederholen sich schnell, im Regelfall müsst Ihr in eine Basis eindringen, um dort irgendwelche Informationen zu beschaffen oder eine Zielperson auszuschalten / zu retten. Eigentlich recht mager, das Gameplay bringt jedoch die nötige Abwechslung auf den Tisch.

Ihr entscheidet, wie Ihr vorgehen wollt, schleichend oder kämpfend. Das Schöne dabei ist, dass es unzählige Möglichkeiten gibt diese beiden Vorgehensweisen zu variieren und aufgrund der gelungenen gegnerischen KI macht es immer wieder aufs neue Spaß zu experimentieren. Eine meiner ersten Infiltrationen in eine Basis, die an einem Berghang gelegen war, sah wie folgt aus:

Zunächst habe ich den Standort mit dem Fernglas gescannt und alle Gegner, die ich sehen konnte, markiert. Als ich mir den ersten Schergen schnappen will, passiert es. Ich habe eine Wache in einem Turm übersehen und der Alarm geht los. Zum Glück ist es Nacht, also renne ich in die Steppe und versteckte mich im hohen Gras. Ha, diese Deppen, wie leicht hatte ich sie ausgetrickst. Bei völliger Finsternis kann ich easy durchs Gras an die Basis heranschleichen. Plötzlich ein Zischen und über mir erscheint gleißendes Licht. Eine verdammte Leuchtgranate erhellt den gesamten Bereich um mich herum und ich stehe auf dem Präsentierteller. Zum Glück ist neben mir ein dicker Felsen, hinter dem ich vor dem gegnerischen Feuer in Deckung gehen kann. Ha, jetzt habe ich sie aber wirklich ausgetr… Was ist das? Wieder ein Zischen, diesmal lauter und näher. Wenige Augenblicke später knallt eine Mörsergranate direkt neben mir auf den Boden und ich segne das Zeitliche. Wow!

Solche Erlebnisse bietet das Spiel tonnenweise. Ich hätte zum Beispiel auch C4-Sprengladungen vorne an der Basis anbringen können, um mich dann von hinten heranzuschleichen. Die Detonation lenkt die meisten Gegner ab und ich komme deutlich leichter in die Basis. Oder ich hätte eine Attrappe zur Ablenkung aufstellen können. Wer die Rambo-Methode bevorzugt, hätte auch mit einem fetten MG und einem dicken Raketenwerfer alles bombardieren können. Wenn es eng wird kann man sogar Luftunterstützung anfordern.

Das zweite Kernfeature des Spiels ist der Aufbau Eurer Mother Base. Das ist eine Art Bohrinsel im Meer, die zum militärischen Stützpunkt umfunktioniert wurde. In den Missionen sammelt Ihr Geld, Arbeiter (die entführt Ihr einfach mit einem Ballon) und Ressourcen, welche Ihr in die Vergrößerung Eurer Basis stecken könnt. Hier wiederum lasst Ihr dann neue Waffen oder Gadgets entwickeln, welche den nächsten Einsatz deutlich leichter gestalten. Das Management der Mother Base ist enorm motivierend und schnell habe ich die frei begehbare Station als mein Zuhause in The Phantom Pain angesehen. Hier gehe ich nach getaner Arbeit hin, um meine Soldaten zu begrüßen, die natürlich vor mir salutieren, um die nächste Mission zu planen oder um die Kassetten zu hören, welche ich bei meinem letzten Einsatz gesammelt habe. Auf denen sind entweder Infos zur Story enthalten oder bekannte 80er Jahre Musik wie The Man who sold the World und Kids in America. Oder ich lausche einfach den Gesprächen meiner Soldaten, die sich gerne mal Geschichten über mich erzählen. All das hat auch spielerische Auswirkungen. Je häufiger Ihr auf der Mother Base seid, umso höher ist die Moral Eurer Truppen und sie arbeiten besser.

Neben der spielerischen Varianz ist vor allem die Detailverliebtheit ein großer Pluspunkt in Metal Gear Solid V. Immer wieder gibt es Kleinigkeiten zu entdecken. In den Einsätzen werdet Ihr beispielsweise immer dreckiger und blutverschmierter. Irgendwann schwirren sogar Fliegen um Euren Kopf und die Gegner können Euch riechen, wenn Ihr zu nahe seid. Eine frische Dusche auf der Mother Base verschafft Abhilfe. Ein anderes, nettes Detail ist die Tatsache, dass Ihr die gegnerischen Truppen nicht verstehen könnt, da sie nur russisch reden. Das kann in brenzligen Situationen enorm stören. Um das zu ändern, kidnappt Ihr einfach kurzerhand einen Dolmetscher und schon sind die Untertitel übersetzt und Ihr wisst genau, was die Gegner im Schilde führen. Solche verspielten Kleinigkeiten entdeckt man immer wieder.

Auf Seiten der Präsentation gibt es wenig zu meckern. Die Grafik ist hübsch anzusehen, reicht jedoch nicht ganz an die Brillianz eines The Witcher 3 heran. Der Sound ist perfekt abgemischt und im Gefecht fliegen Euch die Kugeln druckvoll um die Ohren. Die ausschließlich englische Synchronisation ist stimmig. Einziger Störfaktor ist hier Kiefer Sutherland, welcher David Hayter als Stimme von Big Boss abgelöst hat. Sutherland macht seinen Job zwar sehr gut, jedoch spricht Hayter eben seit dem ersten Teil auf der PlayStation den Hauptcharakter aller Teile und ich bin einfach an ihn gewöhnt.

Wo viel Licht ist, gibt es natürlich auch etwas Schatten. Die Steuerung ist teilweise sehr überladen. Bis Ihr Big Boss wirklich beherrscht dauert es eine Weile. Das Deckungs-Feature funktioniert leider nicht wirklich gut, da es keinen extra Knopf gibt, um sich an eine Wand oder ähnliches zu lehnen. Ihr müsst im richtigen Winkel an ein Hindernis gehen und mit etwas Glück geht Big Boss dann in Deckung. Ziemlich frickelig und teilweise auch frustig.

Die Story kommt für Metal Gear-Verhältnisse sehr langsam in Fahrt. Ausufernde Zwischensequenzen wie in den Vorgängern sind bei weitem nicht so häufig vorhanden. Die Geschichte wirkt eher routiniert und wird oft durch die gefundenen Kassetten erzählt. Das ist nicht jedermanns Sache. Aber keine Sorge: Abgedreht ist die Geschichte ohne Zweifel. Das merkt man spätestens, wenn einem ein brennender Wal (!!!) entgegengeworfen wird.

Unterm Strich können diese Kritikpunkte den gigantischen Eindruck nicht schmälern, welchen Metal Gear Solid V: The Phantom Pain bisher bei mir hinterlassen hat. Es ist ein riesiges, motivierendes und enorm spaßiges Spiel voller Liebe zum Detail und spielerischer Raffinessen.

Fans schlagen sowieso zu, allen anderen möchte ich dringend empfehlen wenigstens einen Blick zu riskieren. Die Story wird Euch zwar verwirren, aber alleine das geniale Gameplay, die liebevollen Details und die zum Schneiden dichte Atmosphäre rechtfertigen den Kauf allemal.

Hideo Kojimas letztes Metal Gear ist ein würdiger Abschluss der Reihe geworden und zeigt eindrucksvoll, dass Schleichspiele auch in einer offenen Welt funktionieren. Ich bin gespannt, was mich noch alles erwartet. Bisher gibt es von mir eine heroische

medieneffekt-punkte-zehn

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