Review zu Ryan Goslings Regie-Debüt LOST RIVER (max)

Lost-River-Review

Ryan Gosling zu mögen ist wirklich nicht besonders schwer. Der Typ sieht klasse aus, was auch jeder Mann neidlos zugeben muss, schauspielerisch kommt dann noch eine riesige Schippe Talent oben drauf und nebenbei gelingt ihm auch das, woran viele seiner Kollegen scheitern: Er nimmt ein umwerfendes Album auf, dessen Geheimnis vor allem eines ist…Understatement! Und irgendwie ist das auch insgesamt der Grund wieso Ryan Gosling für mich einer der talentiertesten und dabei auch noch sympathischsten Typen in Hollywood ist. Das zwischendurch immer präsente Frauenschwarm-Image wurde von ihm perfekt als Plattform genutzt, zu etwas eigenem umgeformt und dann wieder komplett dekonstruiert. Seine Filmauswahl ist dabei so exquisit wie die Rollen, die er darin spielt. Das erste Mal bewusst gesehen habe ich ihn in Marc Forsters unterschätztem Meisterwerk Stay, seitdem bin ich eigentlich Fan. Die beiden Filme von Nicolas Winding Refn, Drive und Only God Forgives, sind absolute Sinnesräusche, ebenso wie die beiden ersten Filme von Derek Cianfrance, Blue Valentine und The Place Beyond the Pines, in denen Gosling jeweils eine der Hauptrollen verkörpert. Der Indie-Hit Half Nelson und auch Clooneys Polit-Drama The Ides of March sind zusätzlich perfekte Beispiele für das Können und das künstlerische Umfeld, in dem sich der Kanadier zuhause fühlt.

Schauspielern, großartige Musik machen…was passt noch gut in die Reihe? Richtig! Sich als Regisseur versuchen. Lost River stellt nun Goslings Debüt auf dem Regiestuhl dar, für das er sich auch als Drehbuchautor verantwortlich zeigt. Die einen feiern seinen sperrigen Stil, die anderen sehen in diesem Film ein substanzloses Plagiat, das wahllos seine Vorbilder zitiert.

Lost River auf die narrative Ebene zu beschränken, ist eigentlich unmöglich. Im Grunde geht es um die alleinerziehende Mutter Billy (Christina Hendricks), die darum kämpft ihr Haus zu behalten, in dem sie zusammen mit ihren beiden Söhnen Bones (Iain De Caestecker) und Franky (Landyn Stewart) lebt. Die kleine Familie ist eine der letzten in der Stadt, sonst haben sich so gut wie alle Bewohner bereits in eine vermeintlich bessere Zukunft geflüchtet. Während Billy einen Job in einem sehr speziellen (mehr wird nicht verraten) Nachtclub antritt, der ihr vom dubiosen Besitzer und Teilzeit-Bänker Dave (Ben Mendelsohn) vermittelt wurde, legen sich Bones und seine Freundin Rat (Saoirse Ronan) mit Gangster Bully (Matt Smith) an und kommen nebenbei einem Fluch auf die Schliche.

Seltsam das jetzt so zu schreiben, nachdem ich den Film vorgestern das erste Mal gesehen habe, denn so gelesen würde mich der Film selbst glaube ich erstmal nicht besonders interessieren. Ein Blick in den Trailer weiter oben, den ich übrigens als sehr aussagekräftig empfinde, weist einem dann allerdings bereits die Richtung und Goslings Vorbilder sind schon dort tatsächlich nicht von der Hand zu weisen. Vor allem die Zusammenarbeit mit Nicolas Winding Refn scheint ihn sehr inspiriert zu haben, denn die Bildästhetik ist bis ins kleinste Detail duchgestyled und wird von Kameramann Benoît Debie, der bereits für den sagenhaften Spring Breakers hinter der Linse stand, in atemberaubende Sequenzen verwandelt. Ein wunderschöner Film, der vor allem in seinen kontrastreichen, oft in Neon-Farben getauchten Nacht-Szenen besonders besticht. Dieses Ästhetisieren der Geschichte, das Gosling wie auch Winding Refn oft fälschlicherweise als Substanzlosigkeit vorgeworfen wird, macht den Großteil von Lost River aus. Dieser wird allerdings immer wieder durch einen nicht von der Hand zu weisenden Touch Indie-Atmosphäre durchbrochen. Als Bones zu Beginn einen Nachbarn verabschiedet, der ganz offensichtlich kein Schauspieler ist, oder sich Bully mit einer Frau anlegt, die er trotz Erwiderung immer und immer wieder fragt, warum sie ihm nicht antworte, kamen mir direkt die experimentelleren Werke Gus Van Sants (Paranoid Park, Last Days) in den Sinn oder eben auch Derek Cianfrance, Goslings anderem offensichtlichem Vorbild. Solche Szenen gibt es allerdings nur vereinzelt, was für mich einen kleinen Kritikpunkt bildet, da sie in ihrer ungeschliffenen Wirkung einen perfekten Kontrast zum durchdefinierten Hochglanz-Bild des restlichen Filmes darstellen. So verliert sich Lost River teilweise in seiner reinen Bild-Präsenz und erst gegen Ende wird das größere Ganze deutlich, das in seiner Einfachheit und inneren Logik dann doch beeindruckt.

Innerhalb des durchweg ausgezeichnet gewählten Casts sticht wieder einmal Ben Mendelsohn hervor, der dem schleimigen Dave nicht nur eine besondere Intensität verpasst, sondern auch noch mit einer absolut großartigen Gesangseinlage Eindruck hinterlässt. Christina Hendricks und Iain De Caestecker spielen gekonnt das Mutter/Sohn-Gespann und kümmern sich dabei um Landyn Stewart, der so hinreißend niedlich das kleine, etwas schräge Nesthäkchen verkörpert. Goslings Ehefrau Eva Mendes macht ihre Rolle als Splatter-Queen Cat gut, ohne großartig aufzufallen und auch Saoirse Ronan hält sich angenehm zurück. Das Overacting gehört in Lost River jemand anderem. Doctor Who-Darsteller Matt Smith spielt den durchgeknallten Gangster Bully, der so verspult wie unberechenbar erscheint. Ich bin nicht nur einmal zusammengezuckt…belassen wir es dabei. Die unauffälligste, aber für mich mit einer der besten Szenen des Films bestückte, Rolle hat dann ein fast gänzlich unbekanntes Gesicht inne. Reda Kateb kannte ich bis jetzt nur aus einer kleinen Passage in Kathryn Bigelows Zero Dark Thirty. Den Mann sollte man vielleicht im Auge behalten.

In seiner Bildhaftigkeit wird Lost River zusätzlich durch einen wirklich fantastischen Soundtrack unterstützt, wobei auch hier die Parallele zu einem gewissen Dänen gezogen werden kann. Chromatics, Glass Candy, Desire, gleich drei Bands, die bereits einen Winding Refn Film musikalisch untermalen durften. Aber auch das funktioniert ohne aufgesetzt oder kopiert zu wirken. Gerade das Love Theme kreiert eine ganz eigene Stimmung zwischen elektronischer Kälte und wärmenden Emotionen und passt damit genau in das filmische Konzept.

Ein bisschen weniger Winding Refn, ein bisschen mehr Gosling, die Akzente etwas anders gewichtet, dann hätte ich den Film noch wesentlich mehr gefeiert. So ist Lost River kein Meisterwerk, allerdings ein bestechend schönes, in vielen Szenen elegant inszeniertes Kunst-Märchen, dessen Regisseur absolut stolz auf seinen Erstling sein darf.

medieneffekt-punkte-acht

2 Kommentare zu Review zu Ryan Goslings Regie-Debüt LOST RIVER (max)

  • Liz  sagt:

    Uiii, da muss ich mir den doch auch bald mal ansehen. :)

    • max  sagt:

      Der wird dir auf jeden Fall gefallen!

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