Review zu UNTIL DAWN (carsten)

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Mit Until Dawn veröffentlichte Sony vor einigen Wochen eine kleine Überraschung für alle Fans gruseliger Spiele, exklusiv für die PS4. Ohne große Werbekampagne stand der Titel in den Händlerregalen. Das Horror-Adventure wurde von Supermassive Games entwickelt, die bisher keine nennenswerte Produkte auf den Markt gebracht haben. Warum das Spiel auf jeden Fall einen Blick wert ist und weshalb zu viele Köche den Brei verderben können, erfahrt Ihr in den folgenden Zeilen.

Ein Jahr ist vergangen, seit zehn Teenies das letzte Mal auf einer Berghütte auf dem Mount Washington eine Nacht verbracht hatten. Was eigentlich als lockere Party geplant war, endete jedoch in einem Desaster. Zwei Mädchen der Gruppe, Hannah und Beth, verschwanden unter mysteriösen Umständen spurlos. Ihr Bruder, Josh, lädt die übrigen sieben Teens zum Jahrestag des Verschwindens seiner Schwestern erneut auf die Berghütte ein, um endgültig mit den schrecklichen Ereignissen abzuschließen. Die Gruppe ahnt jedoch nicht, dass ihnen eine höllische Nacht bevorsteht, die wahrscheinlich nicht jeder von ihnen überleben wird.

Until Dawn ist ein sehr storylastiges Spiel, welches vor allem von seiner Geschichte und der Atmosphäre lebt. Abwechselnd müsst Ihr die acht Charaktere durch das gelungene Setting steuern und dabei versuchen, dem Geheimnis der Vergangenheit auf die Spur zu kommen. Schnell stellt sich ein Gefühl der Einsamkeit und Isolation ein. Draußen ist es dunkel und außerdem schneit es durchgehend, dazu wird relativ schnell klar, dass Ihr diesen Ort bis zum Morgengrauen nicht verlassen könnt. Die klassische Ausgangssituation für einen gelungenen Horror-Film.

Leider haben es die Entwickler nicht wirklich hinbekommen einen konstanten und sinnigen Aufbau der Geschichte und vor allem des Horrors zu erstellen. Until Dawn bedient sich quasi aller möglichen bekannten Arten eine Gruselgeschichte zu erzählen und vermischt diese bunt. Das Spiel kann sich nie wirklich entscheiden, ob es nun Silent Hill, Saw, The Ring, Twin Peaks, The Descent oder Freitag der 13. sein will. Es gibt einen Psychokiller, Monster, Wahnsinnige, Splatter, eine alte Irrenanstalt, dunkle Minen, Kellergewölbe voller Schatten, grausame Experimente, Geister, Fallen à la Saw und zu allem Überfluss sind natürlich auch die amerikanischen Ureinwohner mit der Story des Schauplatzes verbunden. Dadurch steht sich die Geschichte leider selbst ab und zu im Weg und geniale Konzepte kommen zu kurz.

Es ist natürlich völlig okay sich bei bekannten Klischees zu bedienen und diese sogar zu zelebrieren. Für mich litt aber der Spannungsaufbau unter der Tatsache, dass in der Welt von Until Dawn quasi alles möglich ist. In einem Kapitel wird auf Panik gesetzt wie in Resident Evil, dann geht es in Richtung Psycho-Horror nach Silent Hill-Tradition und irgendwann fühlt man sich dann in einen klassischen Geisterfilm verfrachtet. Dadurch verliert das Spiel leider die Möglichkeit wirkliche Angst bei mir hervor zurufen.

Ein gutes Beispiel für ein Feature, dass durch die Story ausgebremst wird, ist der Psychologe. Am Ende jedes Kapitels sitzt Ihr bei einem zwielichtigen Typen, gespielt von Peter Stormare (Bad Boys II, Constantine), und müsst persönliche Fragen beantworten. Die tolle Idee dahinter: Eure Antworten werden ins Spiel eingebunden. Gebt Ihr etwa an Angst vor Spinnen zu haben so ist es gut möglich, dass Ihr im späteren Verlauf auf eines der langbeinigen Tierchen trefft. Wenn Ihr äußert Angst vor Clowns zu haben verfolgt Euch später möglicherweise ein Killer mit der Maske eines Clowns, der Pennywise aus Stephen Kings ES alle Ehre machen würde.

Dieses geniale Feature wird nach einiger Zeit von der Story entkräftet und spielt zum Ende hin eigentlich kaum noch eine Rolle. Der Grund für die Therapiestunden ist eher plump und eine tiefere Ebene wird hier leider verfehlt.

Die Charaktere hingegen wissen nach einiger Eingewöhnung voll zu überzeugen. Zum Ende des Spiels fieberte ich ordentlich mit, wenn es darum ging einen aus der Gruppe zu retten. Auch die vielen kleinen Hommagen an Klassiker des Horror-Genres wissen zu gefallen. Wenn ein vermummter Typ im Schnee steht und mit einem Flammenwerfer um sich schießt, dürften sich nicht wenige an John Carpenters Klassiker The Thing erinnert fühlen. Solche Anspielungen gibt es immer wieder und sie zeichneten mir als Horror-Fan oft ein Lächeln ins Gesicht.

Das Gameplay lässt sich am ehesten mit Heavy Rain (2010) oder Telltales großartiger Adventure-Reihe The Walking Dead (2012) vergleichen. Ihr steuert abwechselnd einen der acht Charaktere durch die schaurige Kulisse und müsst kleine Rätsel lösen, Gespräche führen und vor allem Entscheidungen treffen. Häufig müsst Ihr auch Quicktime-Events bestehen, also im richtigen Moment den eingeblendeten Knopf drücken, um weiter zu kommen. Begleitet wird das Spiel durch die ständige Angst einen der Protagonisten zu verlieren. Theoretisch kann jeder einzelne der Teenies sterben, wenn Ihr die falschen Entscheidungen trefft oder eines der eben erwähnten Quicktime-Events vergeigt.

Die Entscheidungsfreiheit ist ein großer Pluspunkt von Until Dawn. Teilweise recht simpel und einleuchtend, dann wieder knifflig und absolut undurchsichtig müsst Ihr in der Regel unter Zeitdruck entscheiden, was passieren soll. Hier kommt der sogenannte Schmetterlingseffekt zum Einsatz. Alles, was Ihr tut, kann Auswirkungen auf den weiteren Handlungsverlauf nehmen. Dieser Schmetterlingseffekt wird leider etwas zu sehr durch Einblendungen auf dem Screen in den Vordergrund gerückt. Die Entwickler wollen Euch ständig darauf hinweisen, dass wirklich alles Konsequenzen haben könnte.

In den stärksten Momenten führte mir das Gameplay ganz klar vor, wie haarig es werden kann, wenn man innerhalb von Sekunden entscheiden muss, ob man sich versteckt oder wegrennt. Jeder kennt das: Da läuft ein Horrorfilm und der Protagonist reagiert völlig unlogisch. Man sitzt vor dem TV und denkt sich „Ich hätte das komplett anders gemacht. Kein Wunder, wenn der Blödmann aufgeschlitzt wird.“ Until Dawn spielt genau mit diesen Situationen und führt Euch vor Augen, dass nicht alles immer so einfach ist wie einen Film zu kommentieren. Wenn ich plötzlich den Controller absolut still halten muss, weil der Killer neben mir steht und mich sucht, dann geht mir ordentlich die Pumpe. Der Kippsensor im PS4-Controller kommt hier endlich mal sinnig zum Einsatz und ich bin nicht selten in unschöne Situationen gekommen, nur weil ich eingeatmet und dadurch die Hände leicht bewegt hatte. Bravo!

Die Technik von Until Dawn kann man nur als gelungen bezeichnen. Allem voran grafisch hat mich das Spiel wirklich überrascht. Durch die Beleuchtung und einige wirklich wunderbare Kameraeinstellungen wirken vereinzelte Szenerien fast fotorealistisch. Until Dawn ist zweifelsohne das momentan hübscheste Horror-Spiel. Der Sound passt auch, leider ist die Abmischung der Dialoge teilweise etwas holprig. Es kann schon mal vorkommen, dass in einem Gespräch die Lautstärke der Charaktere etwas hin und her springt. Das kommt jedoch nur selten vor und ist kein wirklicher Kritikpunkt. Die deutsche Synchro geht in Ordnung, vereinzelte Charaktere können aber schon recht schnell nerven. Optional kann man hier auf die gelungenere Original-Vertonung zurückgreifen.

Der Soundtrack mischt sich gut in die Atmosphäre ein, gewinnt jedoch sicher keinen großen Preis. Zu beliebig sind die Stücke. Von den genialen Musik-Meisterwerken aus Silent Hill zum Beispiel ist Until Dawn weit entfernt.

Until Dawn hätte ein echter Kracher werden können, lässt mich in seiner jetzigen Form aber zwiegespalten zurück. Auf der einen Seite hat das Spiel nicht wegzudiskutierende Mängel, dann wiederum packt es mich mit seiner Atmosphäre, der Entscheidungsfreiheit und den teilweise genialen Ideen. Grafisch weiß das Spiel ohne Frage zu begeistern und die vielen, kleinen Anspielungen an Klassiker des Genres sind mehr als gelungen. Die Auflösung und das Ende haben mich dann aber wiederum unzufrieden zurück gelassen.

Bei einem zweiten Teil müsste man eigentlich nur das Konzept etwas gradliniger gestalten, mehr Mut zu den eigenen Ideen zeigen sowie diese konsequent zu Ende führen und sich entscheiden, wie genau man denn nun dem Spieler Angst machen will.

Until Dawn bekommt von mir eine knappe
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