SILENCE IN THE SNOW: Die neue TRIVIUM im Doppelreview (max)

Trivium-Review-II

Ähnlich wie die Jungs von Parkway Drive, müssen sich Trivium zu ihrer neuen Platte allerhand Kritik anhören, wenn es um eingängige Melodien und den gewissen Pop-Faktor geht. Experimente sind bei vielen eingefahrenen Fans nicht gerne gesehen und wenn sich die Lieblingsband auf einmal weiterentwickelt, ist direkt die Hölle los. Wo einem die australischen Surfer allerdings noch wuchtiges Gebrüll entgegenschleudern, gehen Trivium einen Schritt weiter und streichen das Geschrei komplett aus dem Menü. Eine Entscheidung, die tatsächlich eine gewisse Kontroverse hervorgerufen hat. Gitarrist Corey Beaulieu bringt es allerdings, in einem Interview mit Stereoboard, auf den Punkt: “Screaming isn’t the thing that defines heaviness” und das kann man doch, auch ohne das neue Album gehört zu haben, einfach unterschreiben. Sich selbst und seiner Musik Grenzen aufzuerlegen, nur weil etwas dann nicht mehr dem Genre entsprechend ist, das kann nicht Sinn der Sache sein.

Abseits dieser Diskussion heißt es aber nun Silence in the Snow, dem siebten Trivium Album, auf den Zahn zu fühlen und zwar zusammen mit meinem Freund Mirco, mit dem ich die Band entdeckt habe und der mir vor zwei Jahren die letzten Alben, In Waves und Vengeance Falls, zum Geburtstag geschenkt und so meine Begeisterung für Trivium noch einmal neu entfacht hat. Mirco kann außerdem musikalisches Fachwissen beisteuern, als Gitarrist der großartigen A Sable Opiate, von denen dieses Jahr auch noch etwas Großes zu erwarten ist. Genaueres dazu aber später, jetzt wird erstmal Silence in the Snow eingelegt und Play gedrückt.

01 Snøfall
Unglaublich stimmiges Streicher-Intro. Hat etwas sehr Filmisches und die Melodie des Titeltracks wird aufgenommen. Wunderbar arrangiert von Ihsan, dem Sänger der Black Metal Legende Emperor. (max)

Ich schließe mich da zum Großteil an. Ich mag es sehr, dass das Motiv des Titeltracks aufgegriffen wird. Eine kleine Kritik habe ich aber doch: Dem Booklet und Komponisten nach wurde das Stück digital performed und nicht live, was ich lieber gehabt hätte. (mirco)

02 Silence in the Snow
Der erste Track, den ich von der neuen Platte gehört habe. Schon da war ich sehr begeistert von der Idee, das Shouting komplett zu streichen. Matt Heafy singt großartig und ich war schon vor Wochen absolut gespannt auf den Rest. Beeindruckender Einstieg! (mirco)

Die fantastische Produktion fällt direkt in den ersten Sekunden auf. Man hört jedes Instrument perfekt heraus und der Sound ist klar und trotzdem wuchtig. Auch gesanglich über jeden Zweifel erhaben. Eine unglaubliche Bandbreite, wunderbar theatralischer Gestus. Wer sich schon hier das Geschrei zurückwünscht, der kann gleich abschalten. (max)

03 Blind Leading the Blind
Führt das weiter, was mit dem Titeltrack begonnen wurde und legt sogar noch eine Schippe drauf. Wie Matt seine Stimme im Griff hat, ist wirklich sensationell und der Gesang erzeugt einen perfekten Kontrast zum harten Riffing. Purer Metal, der nach vorne peitscht und wirkt als hätte die Band allen überschüssigen Ballast über Bord geworfen. Auf den Punkt perfekt. (max)

Blind Leading the Blind! Sehr energetischer Song, der durchgehend triolisch (Anm. d. Red.: Achtung Musiker) arbeitet und sich mit einem Thema beschäftigt, das mich persönlich sehr anspricht. Textlich geht es um die Aufforderung Dinge zu hinterfragen und nicht blind zu folgen. Läuft seit der Singleauskopplung in Dauerschleife. (mirco)

04 Dead and Gone
Geht groovig los, macht auch insgesamt Spaß, hier fehlt mir allerdings die herzergreifende Kitschigkeit der beiden vorangegangenen Tracks. Stimmlich fühle ich mich an Metallicas James Hetfield erinnert. Gut, aber nicht genug. (max)

Die siebte Saite trägt ihren Teil zu diesem äußerst groovigen Stück bei. Aber auch ich bin nicht so gepackt von dem Song wie von den beiden Vorgängern. Dead and Gone ist jedoch auch kein Stück, das ich überspringen müsste. (mirco)

05 The Ghost That’s Haunting You
Wenn ich die Küche aufräume, höre ich Musik. Dieser Track ist jedes Mal dafür verantwortlich, dass ich alle möglichen Instrumente aus der Luft greife und loslege. Ich brauche und will das gar nicht weiter ausführen. Ich liebe diesen Track! (mirco)

Mirco, Mirco, Mirco…der erste Track, der mich ein wenig stutzig macht und die Begeisterung zügelt. Auch wenn ich Kitsch und Pathos der Band sehr zu schätzen weiß, wird hier doch zu dick aufgetragen und ich werde unangenehm an Nickelback-Stadion-Rock erinnert. Skippen und schnell vergessen. (max)

06 Pull Me from the Void
Musikalisch sehr interessanter Track! In der Strophe ist für mich Queen zu hören und noch viel beeindruckender: Im Refrain fühle ich mich sogar an Panic! at the Disco erinnert. Stark wie Trivium so viele Einflüsse homogen in einem Song verpacken können. Macht mega Bock! (mirco)

OH JA! Den Panic!-Vergleich hatte Mirco im Vorfeld schon gebracht und es stimmt tatsächlich. Hätte nicht gedacht, dass das so funktionieren kann, aber Trivium präsentieren außerordentlich gereiftes Songwriting, fusionieren Pop mit Power-Metal und flashen mich dadurch richtig. Sehr eindrucksvoll. (max)

07 Until the World Goes Cold
Die dritte Vorabsingle und ein Hit wie aus dem Lehrbuch. Kann stellvertretend für die neue Frische gesehen werden, die Trivium ihrer Musik verpassen. Ein hoher Kitschfaktor und bekannte Strukturen, die jedoch mit so einer Authentizität und spielerischer Klasse vorgetragen werden, dass ich gar nicht anders kann als mein Luftschlagzeug zu malträtieren. (max)

Dass Trivium sich bei diesem Album an bewährten Songstrukturen bedienen, ist offensichtlich und gerade bei diesem Song hatte ich gerade zu Beginn so meine Probleme. Allerdings habe ich ihn über die Zeit hinweg zu schätzen gelernt und bin sehr angetan von der grundehrlichen Performance. (mirco)

08 Rise Above the Tides
Spielt für mich nicht in einer Liga mit den übrigen Songs, obwohl ich die Message aus dem Refrain, sich nicht unterkriegen zu lassen, sehr mag. Diese Krieger-Mentalität weiß ich übrigens an dem ganzen Album zu schätzen. Das super starke Solo kann ich aber einfach nicht leugnen. (mirco)

Einer der stärksten Tracks auf Silence in the Snow. Genialer Spannungsbogen, der Refrain ist ultimativ und das Solo das beste der Platte. Ein heller und unglaublich druckvoller Metal-Hammer. (max)

09 The Thing That’s Killing Me
Mit Track Nummer 9 haben sie den Aussetzer von vorhin wieder wettgemacht. Mein Lieblings- und momentaner Suchttrack und wie mein Freund Mirco mir zuvor bereits nahegelegt hat, textlich hätte ich The Thing That’s Killing Me dieses Jahr des Öfteren gebrauchen können. Großes Kino! (max)

Ist für mich das Dying in your Arms (Ascendany, 2005) der Platte. Balladesk anmutender Refrain im heftigen Metal Outfit verpackt, der unaushaltbar ergänzt wird durch das Queen`sche Gitarrensolo. Einer meiner Favoriten. (mirco)

10 Beneath the Sun
Schön kontrastreicher Track. Der Refrain hebt sich hell und heroisch vom dunklen und schweren Rest ab. Guter Ausgleich zum treibenden Vorgänger. (max)

Verhältnismäßig düsterer Track, der durch sein doomiges Riffing zu interessieren weiß. Der Refrain ist hier für mich das Herzstück des Songs und weiß mich jedes mal zu packen. Fügt sich gut in die Platte ein, gehört aber nicht zu den Spitzen. (mirco)

11 Breathe in the Flames
Der offiziell letzte Track des Albums und leider auch der schlechteste, zusammen mit The Ghost That’s Haunting You. Solider Rocker, nicht mehr, nicht weniger. (max)

Der Song hat super heftiges Riffing, was ebenfalls zeigt, dass Trivium entgegen vieler Kritiker nicht gänzlich dem Pop verfallen sind. Leider kann ich mit dem Gesang auf diesem Stück gar nichts anfangen, weshalb ich mich mehr an den übrigen Kompositionen erfreue, als an Matt Heafys Stimme. Schade um den Abschluss. (mirco)

12 Cease All Your Fire (Bonus Track)
Wieso ist Cease All Your Fire denn bitte nur als Bonus Track auf dem Album gelandet? Der Refrain ist Wahnsinn, Heafy singt so wunderbar inbrünstig, einer der stärksten Tracks des gesamten Albums. (max)

Sehr erwähnenswerte Thematik, die Triviums Frontmann mit einer sehr überzeugenden Darbietung präsentiert. Der Song regt mich tatsächlich und der Redewendung entsprechend zum Nachdenken an und erinnert, dass es leider noch viel zu viele Gebiete auf der Welt gibt, in denen Krieg und Not herrschen. Dafür, dass Trivium eher nicht als politische Band gesehen werden, wirkt der Track auf mich sehr inspirierend. (mirco)

13 The Darkness of My Mind (Bonus Track)
Und wieder stellt sich mir die Frage…Bonus Track? Es gibt genau zwei Songs auf Silence in the Snow, die mir nicht besonders gefallen. Diese gegen die Bonus Tracks ausgetauscht und schon wäre der Jackpot nicht mehr weit. The Darkness of My Mind ist der perfekte Abschluss. Energetisch, sehr emotional und am Ende wird es noch einmal richtig hymnisch. (max)

Umgehend, als ich diesen Track zum ersten Mal gehört habe, berührte er mich als Familienpapa. Ich weiß gar nicht genau was mich dabei berührt hat, allerdings empfinde ich diesen Track als sehr ehrlich und persönlich. Definitiv, auch durch das Gesamtpaket, einer meiner, wenn nicht sogar der Favorit. (mirco)

FAZIT (max)
Den zu Beginn gezogenen Vergleich mit Parkway Drive möchte ich abschließend noch einmal aufnehmen. Beide Bands sind lange in ihrer Nische etabliert, beide müssten sich wenig um kreativen Fortschritt scheren, ginge es ihnen nur um puren Erfolg.
Doch Parkway wie auch Trivium haben dieses Jahr ein Album herausgebracht, das nicht nur optisch einige Gemeinsamkeiten aufweist. Das dezente, aber schmuckvoll detaillierte Design, mit Weiß als vorherrschender Farbe, steht für mich stellvertretend für eine Wiederbelebung im Sound, ein fokussierteres Songwriting. Experimente werden selbstbewusst inszeniert, nicht weil verlangt, sondern weil man möchte und trotz der unüberhörbaren Neuerungen, klangen beide Bands nie so sehr nach sich selbst.
Silence in the Snow ist eingängiger als alle vorangegangenen Alben, steht an vielen Stellen mit einem Bein im Pop, lässt die Metal-Kante aber immer wieder dazwischen grätschen. Trivium sind und bleiben eine Metal-Band. Daran ändert auch der glasklare Gesang nichts. Der ist nämlich eine Glanzleistung und das definitive Highlight auf Silence in the Snow.
Die stimmliche Entwicklung ist einfach beeindruckend, über allem schwebt der Pathos alter Metal-Schule und für mich kann sich Heafy nun zu den besten Sängern im Genre zählen.
Mein allgemeiner Eindruck wird dann am Ende leider durch zwei Songs getrübt (The Ghost That’s Haunting You, Breathe in the Flames) und ein riesiges Fragezeichen blinkt über meinem Kopf. Die beiden Bonus Tracks, die nur auf der Special Edition des Albums zu finden sind, hätten für mich viel mehr Sinn im Verlauf der Platte gemacht, sie ordentlich gestrafft und so runder wirken lassen.
Schon irgendwie ärgerlich, allerdings ist dies schnell vergessen, sobald ich erneut auf Play drücke. Silence in the Snow ist ein absolut starkes Metal Album zwischen klassisch und modern, dass frei von Scheuklappen alte Motive in neue Form bringt.
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FAZIT (mirco)
Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie Max mir vor Jahren den ersten Eindruck von Trivium auf einer Compilation von Roadrunner verschaffte. Dabei ging es um zwei Songs von der Acendancy: Pull Harder on the Strings of your Martyr und Like Light to the Flies. Es war einer dieser Abende, an denen Max und ich vor der Anlage saßen, Bier getrunken haben und dabei neue Platten hörten und besprachen. Es war damals ziemlich spät und wir auch ziemlich betrunken. Da kam es schnell dazu, dass wir matteschüttelnd vor der Anlage saßen und diese beiden Songs massiv gefeiert haben. Wie oft haben wir die Songs im Replay gehört? Keine Ahnung. Eine Stunde bestimmt. Seitdem war es um mich geschehen. Bis auf ein paar Ausnahmen habe ich alle Scheiben von Trivium in meinem Regal stehen und durfte über die Jahre hinweg die musikalische Entwicklung dieser Band beobachten.
Und da sind wir nun. Nach sechs Studioalben, bei Silence in the Snow. Kein Geschrei, nur Gesang. Hooks, Hooks, Hooks. Großartige Refrains, solides und modernes Riffing, mit Anleihen bei klassischem Heavy Metal, aber auch bei den trendigen 7-Saiter-Grooves der modernen Metal-Bands. Das alles ordentlich gefärbt durch die ohnehin schon immer virtuosen Soli, die hier auch das ein oder andere Mal Queen Tribut zollen.
Trivium haben für mich ein schönes Gesamtpaket abgeliefert, das seit dem Release bei mir mindestens einmal täglich durchläuft. Auch die Texte sind für mich sehr ansprechend. Das war sonst für mich häufig nur sekundär. Die vermittelte Krieger-Mentalität, die an Ausdauer und Standhaftigkeit appelliert, zieht sich wie ein roter Faden durch die Platte. Im Zusammenhang mit dem Artwork sehr überzeugend.
Es gibt einige kleine Schwächen auf dem Album, wo mich die Gesangslinien einfach nicht so greifen, so zum Beispiel bei dem sehr hellen und ein wenig punkigen Rise Above the Tides oder dem aggressiven und tighten Abschluss mit Breathe in the Flames. Kein Totalausfall und sicherlich nur Geschmackssache, dennoch nicht die 10 wert. Trotzdem ist Silence in the Snow ein schwergewichtiger Kandidat für die Top 10 in diesem Jahr und ich danke der Combo für den lang erwarteten und mutigen Schritt, Altbewährtes über Bord zu werfen und ihren musikalischen Vorlieben zu folgen und das zu tun, worauf sie Lust haben. Eben alles andere als Sellout. Ich weiß das, als aktiver Musiker, sehr zu schätzen und wünsche jeder Band, trotz des Erfolgs, standhaft zu bleiben und dem künstlerischen Ausdruck stets oberste Achtung zu geben.
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