THE TOWN OF LIGHT Review (carsten)

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The Town of Light läuft eigentlich genau entgegen dem, was gute Videospiele ausmacht. Es gibt kaum Gameplay-Elemente, Rätsel oder gar Herausforderungen sucht man vergebens und nach kurzer Zeit hat man alles gesehen. Dazu sieht der Walking-Simulator unterdurchschnittlich aus und steuert sich sehr träge. Das ist aber vergleichsweise  egal, wenn man erstmal in das Game eingetaucht ist. Dann entfaltet sich nämlich ein Erlebnis, welches intensiver kaum sein könnte und unangenehme Bereiche anspricht, die im Videospiel-Sektor meist tabu sind. Nein, The Town of Light macht keinen Spaß. Trotzdem sollte man dem Titel eine Chance geben, sofern man starke Nerven hat.

In The Town of Light schlüpft Ihr in die Haut von Renée, die einige Jahre ihrer Jugend, ab dem Jahr 1938, in einer geschlossenen Anstalt für psychisch kranke Menschen in Italien verbracht hat. In der Ego-Perspektive kehrt ihr als erwachsene Frau Jahre später in diese Einrichtung zurück, die mittlerweile jedoch geschlossen wurde. Indem Ihr durch das verrottete Gemäuer lauft entwirrt Ihr mithilfe von Flashbacks und vergilbten Aufzeichnungen, Akten und Fotos langsam die traurige Geschichte der Hauptdarstellerin. Die Anstalt an sich gab es übrigens wirklich, hierzu haben die Entwickler von Lka.it sehr viel recherchiert. Unter anderem haben sie mit ehemaligen Mitarbeitern der Einrichtung gesprochen und das Gebäude besichtigt, was zu einer plausibelen und schmerzhaft glaubwürdigen Erzählung führt. Protagonistin Renée ist zwar fiktiv, ihre Geschichte ist jedoch auf wahre Begebenheiten zurückzuführen.

Das Spiel schreckt nicht davor zurück, auch extrem unangenehme Themen wie sexuellen Missbrauch oder psychische Folter zu thematisieren. Wenn Renée durch die Gänge des Gebäudes streift, in welchem sie ihr unfassbares Martyrium ertragen musste, wird einem schnell mulmig. Dabei zeigt sich das Geschehen weitestgehend realistisch, streut jedoch immer wieder Verfremdungseffekte ein oder spielt kleine Videos mit düsteren Zeichnungen ab. Renées Erinnerung ist sehr verwaschen und unklar, was schnell auf den Spieler abfärbt.  Man weiß irgendwann selbst nicht mehr, was von Renées Geschichte Realität ist und was Einbildung.

Immer wieder findet man in der Anstalt alte Dokumente, die Renées Aufenthalt thematisieren. Die nüchternen, kalten Aufzeichnungen geben nur bedingt Aufschluss über ihr Schicksal. Unerträglich wird der Titel dadurch, dass er vollkommen nachvollziehbar gehalten ist. Es gibt keine Dämonen, vor welchen man sich verstecken muss, keine Folterkammern oder verrückte Ärzte, die einen jagen. Das Spiel verzichtet außerdem auf jede Art von Rätsel oder Jumpscares. Das Szenario ist eben erschreckend genug. Einige der Themen, wie sexueller Missbrauch und daraus resultierendes sexualisiertes Verhalten der Opfer werden so kühl und gnadenlos offen dargestellt, dass es echt an die Substanz gehen kann. An einer Stelle, als eigentlich nur schlicht eine Akte vorgelesen wird, musste ich eine Pause einlegen. Bravo.

Der Einstieg ins Spiel zeigt sich übrigens vergleichsweise langweilig. Man steht inmitten eines idyllischen Gartens und läuft einige Minuten durch die Gegend, dazu gibt es keine Musik und einige kryptische Dokumente zum Lesen. Lahm.

Die Grafik zieht den ersten Eindruck noch gewaltig runter. Alles flimmert und ist weit davon entfernt, auch nur ansatzweise gut auszusehen, zumindest auf der von mir getesteten Xbox One-Version. Es gibt heftiges Kantenflimmern, massig Pop-Ups und dazu ruckelt das Spiel teilweise wie die Hölle. Auf den Punkt gebracht: The Town of Light sieht mies aus und wär selbst auf der PS3 oder der Xbox 360 grafisch unterdurchschnittlich. Leider ist der Sound ebenso schlecht. Die deutschen Sprecher wirken teilweise gelangweilt und die allgemeine Lokalisation ist schlicht Murks. In den Untertiteln gibt es häufig dumme Fehler und selbst die Menüs sind umständlich gestaltet und übersetzt. Dafür entschädigen aber einige sehr atmosphärische Musikstücke und die allgemein gelungene Spielewelt.

Miese Technik, lahmes Gameplay und grade mal drei Stunden Spielezeit für 20€. Nun, das hört sich auf den ersten Blick nach einem echten Reinfall an. The Town of Light will Euch aber nicht unterhalten oder gar Spaß machen. Der Titel spricht schlicht Themen an, die einen wahrhaftig fertig machen können und zieht dieses schonungslos bis zur letzten Sekunde durch, ohne kitschig oder aufgesetzt zu wirken. Ob man darauf Bock hat, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich verstehe alle, die sich sowas ganz bewusst nicht reinziehen wollen. Mich jedoch hat das mutige Projekt trotz all seiner Schwächen extrem beeindruckt. Dafür gibt es dann auch eine ordentliche medieneffekt-punkte-acht

 

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