Uni-Effekt: Kritik zum Tatort IM SCHMERZ GEBOREN (max)

Tatort-Review

Im Rahmen des Seminars Medienkompetenz – Fiktionales Fernsehen: zwischen Qualität und Klamauk habe ich mich in den letzten Wochen mit dem deutschen TV-Film auseinandergesetzt. Die Aufgabenstellung einer Filmkritik kam mir dann auch gerade recht, denn insbesondere ein Tatort hat mich doch sehr beschäftigt. Diese Kritik gibt es nun hier zu lesen, wobei das Hauptaugenmerk vor allem auf der Inszenierung und den Stilmitteln liegt:

IM SCHMERZ GEBOREN

Ein Zitatort oder Der Tarantino Krimi

Bereits vor seiner Erstausstrahlung im Oktober 2014 sorgte der Tatort Im Schmerz geboren für viel Aufsehen auf diversen Festspielen und Filmfestivals. Von “visueller Stilsicherheit” ist die Rede, von einem “Kunstkrimi”, der dem eingestaubten Genre die Zukunft weist. Immer Thema der allgemeinen Kritiken: Das Zitieren. Der Fernsehfilm ist durchzogen von kulturellen Anspielungen und popkulturellen Verweisen. Für viele mag das ausreichen, betrachtet man jedoch die Einzelelemente, aus denen sich der Film zusammensetzt, bleibt am Ende nur ein grelles, überinszeniertes Zitateraten.

Die Geschichte folgt dem Kriminalhauptkommissar Felix Murot (Ulrich Tukur), der sich, zwischen diversen Dates, mit drei Toten an einem Bahnsteig konfrontiert sieht. Seine Spur führt ihn recht zügig zu seinem alten Freund Richard Harloff (Ulrich Matthes), dessen Sohn David (Golo Euer) und einer Vergangenheit, die er bereits für abgeschlossen glaubte.

Obwohl der Plot und die Entfaltung der Story allein genug Material für eine ausschweifende Analyse liefern, so steht in Bezug auf die Zitation doch die Inszenierung im Vordergrund, da sie auch das auffälligste Merkmal von Im Schmerz geboren darstellt. Schon zu Beginn springt der Tatort zwischen verschiedenen Erzählwelten. Vom gerahmten Gemälde einer Dschungel-Landschaft wechseln wir direkt hinüber in das grüne Dickicht, in dem sich der Zuschauerblick dem Lauf einer Schrotflinte gegenübersieht. Im nächsten Schritt wandelt sich der Waffenträger zum Erzähler und was durch die Position der Flinte bereits angedeutet wurde, wird nahtlos weitergeführt. Die vierte Wand wird vollends aufgebrochen und Alexander Held, der auch die Figur des Alexander Bosco verkörpert, spricht, mit Blick in die Kamera, das Publikum an. Theaterhaft, reimend und durch passende Motive, wie Licht-Spots, unterstützt, gibt er eine Einführung, die mit der Präsentation des Titels endet, der inszenatorisch in das Setting des Intros eingebaut ist.

Das alles ist bereits sehr viel für einen Tatort, lebt die Reihe doch stark von wiederkehrenden Motiven und den Vorlieben der oftmals eingeschworenen Fangemeinde. Gäbe es, innerhalb des Plots, ein inszenatorisches Gegengewicht, ließe sich eine gewisse innovative Rahmung erkennen, die diesen von anderen Tatort-Filmen abhebt. Der Erzähler kehrt in der Geschichte immer wieder vor die Kamera zurück, gibt Kommentare und entlässt den Zuschauer zudem am Ende. Ein schöner Kontrast zwischen Überinszenierung und charakteristischen Tatort-Motiven wäre hier möglich gewesen, doch Regisseur Florian Schwarz und sein Team geben sich noch lange nicht zufrieden. Postmoderne ist das große Stichwort und so werden alle Klischees durchgespielt. Farbintensive Bilder, überbordende Brutalität, allerhand Verfremdungseffekte und die bereits genannten Zitate. Vier Charakteristika des postmodernen Films, die Im Schmerz geboren bis ins Detail beschreiben.

Wenn zu Beginn die drei späteren Leichen auf jemanden warten und deren Aufeinandertreffen durch Kameraposition in Holster-Höhe und typischen Schuss/Gegenschuss aufbereitet wird, fühlt man sich nicht aus Versehen an den Western-Klassiker Spiel mir das Lied vom Tod (1968, Sergio Leone) erinnert. Einige Augenblicke später werden sie erschossen und jeder Treffer durch ein Standbild und farblichen Überzug stilisiert, ein Mittel, das an so gut wie alles erinnert, das Quentin Tarantino in den letzten Jahren herausgebracht hat. Ein Regisseur, der durch sein ebenfalls ausuferndes Hantieren mit postmodernen Stilmitteln, hätte Pate stehen können für Im Schmerz geboren.

So geht es dann auch weiter. Das Grundszenario wird schnell abgesteckt und die Figuren eindeutig in Szene gesetzt. Harte Schatten verschleiern die harten Jungs und ihre zwielichtigen Geschäfte und wenn Ulrich Matthes a.k.a. Richard Harloff zum gefühlt zehnten Mal, von einem klassischen Stück begleitet, in die Kamera schaut, natürlich immer im schneeweißen Anzug, dann verliert er das Eigene seiner Darbietung und wird zur Blaupause des sprachgewandten und charmanten Antagonisten, der in den letzten Jahren besonders durch den Schauspieler Christoph Waltz aufleben konnte.

Die eigene Identität bleibt zwischen den bunten Bildern und dem Wust aus Zitaten vollkommen auf der Strecke und nichts erinnert im Nachhinein an Im Schmerz geboren, denn alle Fäden führen zu den Originalen. Die langsame Entwicklung der Story mit abschließendem Twist erinnert nicht nur durch die verzerrten Familienverhältnisse an ein Rachedrama wie Old Boy (2003, Chan-Wook Park), Alexander Bosco wird ganz plakativ “Don” gennant wie Marlon Brando in Der Pate (1972, Francis Ford Coppola), eine Laserpointer-Sniper-Szene gab es zuletzt ähnlich in der Serie Breaking Bad (2008 – 2013, Vince Gilligan) und V for Vendetta (2005, James McTeigue) präsentierte uns bereits ein finales Zusammentreffen aller Opfer.

Man mag von diesen Filmen halten was man möchte und sie selbst werden diese Motive auch nicht erfunden haben, doch gibt es einen Unterschied zwischen wahlloser Zitierweise und gekonnter Inspiration. Es gibt viele solcher Zitate und zu alledem wirft Im Schmerz geboren dem Publikum unzählige mediale Verweise vor die Füße. Angefangen beim rahmengebenden Theater und der passenden Shakespeare Benennung einiger Figuren, über eingestreute Musikstücke, bis hin zur direkten Entlehnung einzelner Elemente aus dem Lieblingsfilm einiger Figuren (Jules et Jim, 1962, Francois Truffaut).

Florian Schwarz Fernsehfilm ist so damit beschäftig (post-)modern zu wirken und sich dem abgetragenen Mantel des allgemeinen Tatorts zu entledigen, dass er dabei aus den Augen verliert im Kern ein ernstzunehmender Krimi zu bleiben. Die wunderbare Metapher, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen, greift hier absolut treffend, denn bei Im Schmerz geboren sieht man vor lauter Zitaten den Tatort nicht mehr.

Anzuerkennen bleiben am Ende die Ambitionen und der Mut etwas Neues auszuprobieren. Dabei sind die Macher leider über ihren eigenen Ehrgeiz gestolpert und der Schritt Richtung Hollywood war einfach zu groß für die deutsche Fernsehproduktion. Mit den vorhandenen Mitteln wäre in jedem Falle weniger mehr gewesen und eine ausgewogene Darstellung, mit dezent eingesetzten inszenatorischen Spitzen, hätte es eher geschafft einem alten Format eine neue Richtung zu weisen. So bleibt Im Schmerz geboren lediglich ein ambitioniertes Zitat vom Zitat.

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