XCOM 2 Review (carsten)

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Das hat aber gedauert! Acht Monate nach dem PC-Release dürfen wir endlich auch auf der Konsole mit XCOM 2 auf Alien-Jagd gehen. Das Spiel macht, wie schon der Vorgänger vor vier Jahren, extrem süchtig. Aus ‘ner kleinen Anspiel-Session wurde bei mir schnell ein sechsstündiger Zock-Abend. Um Mitternacht war ich dann kurz davor meine Xbox One anzuflehen, dass sie mich doch bitte ins Bett gehen lassen soll. Heute schaffen das nur noch sehr wenige Spiele bei mir, aber XCOM 2 ist einfach so verdammt motivierend, ich konnte kaum aufhören zu zocken, bis ich die etwa 30 Stündige Kampagne durch hatte.

Außerirdische haben die Erde in Beschlag genommen! Das ist die traurige Ausgangssituation von XCOM 2, obwohl der Vorgänger ein anderes Ende zeigte, aber die Ereignisse aus XCOM Enemy Unknown wirft Entwickler Firaxis einfach über den Haufen und das stellt sich als Spitzen-Idee heraus. Diesmal müsst Ihr nämlich nicht die Erde vor den Invasoren verteidigen, sondern diese zurückerobern. Durch diesen Twist ist die gesamte Stimmung erfrischend anders. Ihr seid Commander einer Guerilla-Truppe und müsst verdeckt auf der ganzen Welt den Widerstand leiten. Dadurch vermeiden die Entwickler es, immer wieder das Gleiche zu erzählen, denn im Kern bietet XCOM 2 nicht viel an Story, die Charaktere bleiben sehr blass und über die übliche „Aliens böse – Menschen gut – Tötet alle“-Erzählung geht das Spiel nicht hinaus. Auch das mysteriöse Avatar-Projekt, welches wie ein Damoklesschwert stetig über Euch hängt und bei Fertigstellung den totalen Sieg der Aliens bedeuten würde, entlockte mir bei seiner Enthüllung nur ein müdes Gähnen. Einen Innovationspreis gewinnt die Geschichte also nicht, trotzdem weiß sie zu begeistern, da die Atmosphäre des verzweifelten Widerstandes gut rüberkommt. Ich will die schleimigen Viecher einfach plattmachen und meine Heimat befreien, wobei mir die Fieslinge immer einen Schritt voraus zu sein scheinen.

XCOM 2 ist ein klassisches, rundenbasiertes Strategiespiel. Aus der Vogelperspektive müsst Ihr nacheinander Eure vier bis sechs Soldaten möglichst geschickt über die Karte dirigieren, wobei Ihr in der Regel nur zwei Aktionen pro Charakter durchführen könnt. Schon hier wird es knifflig: Weiter laufen und nicht schießen? Oder doch nur einige Meter zurücklegen und dann angreifen? Oder nachladen? Oder einen Kameraden verarzten? Oder eine Granate werfen? Oder ein Terminal hacken? Oder, oder, oder? Nicht grade einfach, vor allem, da die Aliens Euch schon auf dem zweiten von vier Schwierigkeitsgraden gehörig unter Druck setzen. Selbst auf “leicht” gibt es immer wieder brenzlige Situationen, aber zum Glück schlägt Euer Team vielseitig zurück. Der Ranger etwa besitzt eine fette Schrotflinte und ein Schwert, ist also auf Nahkampf spezialisiert, der Scharfschütze macht genau das, was man erwartet, der Spezialist verarztet Euer Team und kann Gegner hacken und der Grenadier…nun, der lässt mit seinen dicken Waffen so richtig die Sau von der Kette und reißt auch mal ganze Häuserwände ein. Bei Aktionen Eurer Leute wird immer wieder in eine Action-Kamera umgeschaltet, die alles dynamisch in Szene setzt. Wenn beispielsweise Euer Grenadier seinen Granatwerfer nutzt, fährt die Kamera ganz nah ans Geschehen und zeigt, wie er seine Wumme auspackt, durchlädt und dann aufräumt. Das sieht toll aus, ist geil inszeniert und bringt Euch ganz nebenbei direkt ins Geschehen.

Als echter Geniestreich entpuppt sich folgendes Feature: Ihr könnt Euer Team beliebig zusammenstellen, die Leute in Missionen trainieren, sie stärker machen und sie auch noch optisch komplett anpassen, wie man es sonst nur von großen RPGs wie etwa The Elder Scrolls kennt. Auch die Waffen lassen sich extrem detailliert modifizieren. In meinem Team gibt es daher einen bulligen Grenadier ohne Haare, mit Brille auf der Nase, ner Zigarre im Mundwinkel und dem Namen Carstro Rodriguez. Das Perfide an der Sache: Sollte mal einer der Soldaten auf dem Schlachtfeld das Zeitliche segnen, so bleibt er auch für den Rest des Spiels tot. Ich hatte durchgehend Angst davor, meinen Carstor mal einen falschen Schritt machen zu lassen und ihn dann begraben zu müssen. In diesem Fall wäre meine Rache grausam gewesen. Bravo, durch diese Idee hat man direkt eine feste Bindung zu seinen Leuten und fiebert richtig mit. Die Aliens stehen dem übrigens in nichts nach. Ständig gibt es neue Monster, die Euch mit anderen fiesen Tricks das Leben zur Hölle machen. Einige der Biester leeren die Magazine Eurer Truppe, dann gibt es giftige Schlangen, einige Viecher können sich quer über die Map teleportieren und so weiter. Jedes mal, wenn ein neuer Kontrahent auf dem Schlachtfeld erscheint, fragt man sich was einen jetzt Mieses erwartet.

Zwischen den eigentlichen Missionen baut Ihr Eure Basis in Form eines riesigen Raumschiffes, genannt Avenger, aus. Auch hier müsst Ihr haarige Entscheidungen treffen. Ihr könnt Ressourcen sammeln, die Forschung vorantreiben, Eure Jungs stärker machen, neue Waffen entwickeln, Rüstungen verbessern oder die Aliens schwächen. Alles auf einmal geht aber nicht, im Grunde wägt man durchgehend ab, was wohl das kleinere Übel ist. Absolut genial, dadurch hat man nämlich immer das Gefühl, aus dem Untergrund gegen einen wirklich übermächtigen Feind anzutreten.

Der Fortschritt Eurer Basis hat direkten Einfluss auf die Missionen und umgekehrt. Ein Beispiel: Auf dem Schlachtfeld erscheint ein neuer Gegner. Wenn Ihr diesen erledigt, wird seine Leiche zur Avenger gebracht. Dann geht es in die Forschung, wo der Körper obduziert wird. Die Ergebnisse gehen in die Technikabteilung, die daraus möglicherweise eine neue Waffe entwickelt. Diese will man dann direkt in der nächsten Mission testen, wo wieder ein neues grünes Männchen erscheint und schwupps ist die Nacht vorbei und ich muss zur Arbeit fahren. Motivation pur.

Die Portierung auf die Konsolen hat weitestgehend prima funktioniert. Die Grafik ist hübsch, nur leichtes Tearing ist in den Zwischensequenzen auszumachen, außerdem sind die Ladezeiten recht lang und das Ladebild ruckelt sehr stark. In einigen Missionen zum Ende hin merkt man außerdem, dass das Spiel eigentlich auf einem leistungsstarken PC laufen sollte, denn bei vielen Effekten und mehr Gegnern auf dem Bildschirm geht die Framerate merklich in die Knie. Das passiert aber zum Glück nur sehr selten. Die Steuerung funktioniert prächtig und auch der Sound passt ins Gesamtbild einer ordentlichen Umsetzung der PC-Fassung. Gibt nix großartig zu meckern.

Ich mache es kurz: XCOM 2 hat mich assimiliert und lässt mich nicht mehr aus seinem Kollektiv fliehen. Die Story ist zwar nichts Neues, erfüllt aber absolut ihren Zweck und die kleinen Ruckler bei viel Action sind absolut zu verschmerzen. Die Gefechte sind packend, die taktischen Möglichkeiten sind schier unbegrenzt und die Individualisierung der Soldaten erzeugt eine nicht zu unterschätzende Bindung zu Eurer Truppe. Wenn Ihr auch nur ansatzweise etwas für Strategiespiele übrig habt, gibt es nur eine Ausrede, diese Perle nicht zu kaufen: Ihr habt schon die PC-Fassung zuhause.

medieneffekt-punkte-acht

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